Schaubühne: Rückkehr nach Reims mit Bush Moukarzel und Nina Hoss; © Arno Declair
Arno Declair
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Schaubühne - "Rückkehr nach Reims"

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Regisseur Thomas Ostermeier hat an der Berliner Schaubühne Didier Eribons viel gelesenes und oft zitiertes Kultbuch für das Theater aufbereitet – mit Nina Hoss in der Hauptrolle.

Didier Eribon ist Schriftsteller und Journalist, Soziologie und Philosoph und zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen Frankreichs. Mit seinem 2009 in Frankreich und vor kurzem auch in Deutschland erschienenen Buch "Rückkehr nach Reims" sorgte er international für Aufsehen.

Das Buch ist eine intellektuell irrlichternde Mischung aus Autobiografie und Essay, aus schmerzlicher persönlicher Erinnerungsarbeit und kulturkritischen Erkenntnissen zum Zustand der kapitalistischen Gesellschaft in Zeiten politischer Verwerfungen. Eribon ist in Reims aufgewachsen, sein Vater war einfacher Arbeiter, seine Mutter Putzfrau, einer seiner Brüder ist Metzger. Eribon war und ist bis heute der erste und einzige aus der ganzen Familie, der studierte, sich aus dem proletarischen Milieus komplett löste – als Intellektueller und als bekennender Schwuler – neu erfand und eine neue Identität zulegte.

Doch während er sich in seinen Büchern öffentlich zur Homosexualität bekennen und seine "sexuelle Scham" beschreiben konnte, hat er über seine Herkunft immer eine "soziale Scham" empfunden, die er jahrzehntelang geleugnet und verdräng hat. Erst nachdem sein Vater stirbt, reist er das erste Mal wieder nach Reims, kehrt zurück in seine Vergangenheit, sieht sich zusammen mit seiner Mutter alte Fotos an, denkt darüber nach, welche Verwüstungen die "soziale Scham" in seiner Psyche angerichtet hat und was es heißt, sich fremd zu fühlen in seiner Heimat und in seinem eigenen Leben.

Aber Eribon rekonstruiert nicht nur, wie er – um seine Homosexualität ausleben und sich als Intellektueller beweisen zu können – aus dem Arbeiter-Milieu von Reims flüchten musste. Er versucht auch zu begreifen, warum viele Arbeiter – also auch sein Vater –, die früher traditionell links waren und die Kommunisten wählten, heute zum Front National übergelaufen sind und Le Pen wählen.

"Die Rückkehr nach Reims" untersucht das Versagen und die Sprachlosigkeit der Linken, beschreibt die Affinität der Arbeiterklasse für fremdenfeindliche und nationalistische Parolen und zeigt, dass es für viele Arbeiter ein Akt des Widerstands gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit und ein Protest gegen ihre Entwürdigung ist, heute nichts mehr links, sondern rechts zu wählen.

Thomas Ostermeier kürzt das 240-Seiten umfassende Buch radikal ein und konzentriert sich auf einige griffige Themen und Thesen. Er nimmt uns mit in ein Film-Ton-Studio: an den Wänden schalldämpfende Paneele, auf dem Boden schrittdämpfende Teppiche, in einem Glaskasten sitzen der Regisseur, gespielt von Hans-Jochen Wagner, und Ton-Ingenieur, Renato Schuch.

Auf der Leinwand sehen wir einen Film. Ostermeier hat Eribon überredet, die im Buch beschriebene Reise nach Reims noch einmal zu machen: Eribon im Zug nach Reims, Eribon vor dem Reihenhaus, das er seit Jahren nicht mehr betreten hat, Eribon mit seiner Mutter, wie er alte Fotos betrachtet. Wenn er über den Bruder und dessen Metzger-Tätigkeit spricht, sehen wir, wie tote Tiere zersägt werden. Und wenn es um Eribons Homosexualität geht, zeigt der Film dunkle Parks und schmuddelige Toiletten-Treffpunkte. Wenn vom Turbokapitalismus, vom schlanken Staat, vom Abbau der Arbeiterrechte, vom Niedergang der Linken und vom Aufstieg der Rechten die Rede ist, sehen wir die Gesichter von Thatcher, Reagan, Schröder, Joschka Fischer, Mitterrand und Macron.

An einem Tisch sitzt oder steht Nina Hoss vor einem Mikrofon und spricht dazu die von Ostermeier aus dem Eribon-Buch ausgewählten Text-Sequenzen. Wir lauschen den mit neutraler Stimme gesprochenen Texten und sehen die filmischen Bebilderungen – und denken: Wann endlich beginnt eigentlich der Theaterabend, der dramaturgische Zugriff, der aus dem Buch ein eigenständiges Bühnenwerk macht?

Nach einer gefühlten Ewigkeit tritt endlich Nina Hoss aus ihrer Rolle, ist nicht mehr nur die Schauspielerin Kathrin, die zum Film über Eribon dessen Texte spricht, sondern sie wird zur engagierten Kommentatorin. Sie unterbricht die Aufnahme und möchte vom Regisseur wissen, warum er seinen Film verändert und Sequenzen über die Dämonische Verschwörung des Kapitalismus herausgenommen hat. Zur nächsten Aufnahme, eine Woche später, bringt der Regisseur neues Film-Material mit und hat neue Text-Passagen herausgesucht, um zu verstehen, warum sich die Arbeiter vom linken Establishment verraten fühlen und plötzlich die rechten Populisten wählen.

Und dann, als die Aufnahmen eigentlich schon beendet sind, beginnt der Abend eigentlich erst richtig theatralisch und spannend zu werden: Denn Nina Hoss, der das alles viel zu theoretisch und abgehoben ist, fängt plötzlich an von ihrem eigenen Vater zu erzählen, von Willi Hoss, der auch einfacher Arbeiter und Kommunist war. Der die Grünen mit begründete und für die Partei im Bundestag saß. Der sich als gelernter Schweißer für die Rechte der Gastarbeiter im Betrieb einsetzte und am Amazonas für die Rechte der bedrohten Indios kämpfte.

Nina Hoss holt ihr Handy hervor und zeigt uns alte Fotos und verwackelte alte Filme, auf denen ihr Vater zu sehen ist, wie er als Schweißer beim Daimler in Stuttgart schafft, mit Rudi Dutschke diskutiert und von den Indios zum Ehrenhäuptling ernannt wird.

Eine Stunde lang habe ich nur stirnrunzelnd gedacht: Warum bloß soll ich mir im Theater anschauen, wie dokumentarische Film-Schnipsel in einem gefakten Studio mit Texthappen versehen werden? Wäre ich doch bloß zu Hause geblieben und hätte noch einmal in Ruhe das Buch gelesen, das wäre erkenntnisfördernder und interessanter! Doch dann, als das emotional ermüdende Zitieren und konventionelle Bebildern und Verdoppeln von Texten endlich vorbei ist, bekommt der Abend durch das Sich-Einmischen und beharrliche Kommentieren und Nachfragen von Nina Hoss einen ungeheuren Drive und seltsamen Sog: durch ihre privaten Erlebnisse und intimen Erzählungen tauen alle Beteiligten hörbar und sichtlich auf, machen aus einer multimedialen Versuchsanordnung endlich ein Theater-Spiel mit Empathie, Leid und Mitleid, Freude und Hoffnung.

Wie Nina Hoss in ihre Erinnerungen abtaucht und einen unbeirrbar an die Kraft der guten Tat glaubenden Mann aus dem Dunkel des Vergessens wieder ins helle Tageslicht zurück holt, ist anrührend und beglückend: und so wird ein eher kleiner dann doch noch zu einem wirklich großen Abend.

Frank Dietschreit, kulturradio

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