Schaubühne: Zeppelin mit Ingo Günther; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
Zeppelin - Inszenierung von Herbert Fritsch, mit Ingo Günther (im Bild), an der Schaubühne | Bild: Thomas Aurin Download (mp3, 4 MB)

Schaubühne - "Zeppelin"

Bewertung:

Am Ende: Tränen in den Augen. Dabei ist die Geschichte, die erzählt wird, gar nicht traurig.

Es wird nämlich gar keine Geschichte erzählt. Geboten wird eine Ansammlung oft skurriler, überwiegend düsterer Slapstick-Nummern und Momente voller Wortakrobatik. Neben Fragen wie "Was ist eigentlich ein Vampir?" fallen Kernsätze. Etwa der: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." Oder: "Denken tut weh!"

Düsteres Gesellschaftspanorama

Die Akteure, acht sind es, dazu ein Musiker am Keyboard, sehen alle aus wie Figuren aus dem "Struwwelpeter": quietschbunt, mit wilden Haaren, die Gesichter grell geschminkt, die Kleidung puppenstubenhaft. Sie turnen um das riesige Metallgerüst eines Zeppelins herum, spielen Fußball, turnen, behaupten, sie seien in der Anatomie einer Klinik. Dort, wo die Leichen seziert werden.

Schnell wird klar, worum es in jeder Szene geht – nämlich darum, wie schwer es der Einzelne hat, seine Individualität zu behaupten, wenn die nicht den Normen der Masse entspricht. Den Akteuren wird dabei vor allem körperlich viel abverlangt. Wobei es von großem Reiz ist, wie jede einzelne der Kunstfiguren ganz eigene Züge hat.

Man kann da viele Assoziationen haben, von der Blauen Blume der Romantik, über Märchenstunden, Fellinis Film "La dolce vita", die ökonomischen Studien von Karl Marx bis zur Oper "Hoffmanns Erzählungen". Alle angebotenen Gedanken gehen in eine Richtung: Es ist was schief gelaufen in unserer menschlichen Entwicklung. Das Mensch-Sein ist auf der Strecke geblieben.

Schaubühne: Zeppelin mit Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler, Axel Wandtke; © Thomas Aurin
Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler, Axel Wandtke; © Thomas Aurin

Herbert Fritsch bleibt sich treu

Im ersten Moment denkt man, hier präsentiere sich ein anderer Herbert Fritsch als der, den das Berliner Publikum von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz kennt: schärfer, schwärzer, böser. Aber das stimmt gar nicht. Schon in seinen Kurzfilmen in den Achtzigerjahren war Herbert Fritsch ein Künstler, der die Fehlentwicklungen der bürgerlichen Gesellschaft scharf attackiert hat.

Bei Herbert Fritsch war immer auch Zorn und Traurigkeit. Dass er das oft mit wuselnder Lust und grellem Witz serviert hat, hat viele meinen lassen, er sei ein lustiger Spaßvogel. Irrtum. Herbert Fritsch steht in der Tradition eines Charles Chaplin, eines Jacques Tati, eines Pierre Etaix – große Clowns, die ihrem Publikum immer den Ernst des Lebens vorgehalten haben.

Am Ende deshalb Tränen in den Augenwinkeln: Herbert Fritsch offeriert zum Schluss einen Clou – er testet das Publikum. Er prüft, ob die Zuschauer ihm bei seinen philosophischen Betrachtungen gefolgt sind. Ob sie bereit sind, sich mit den von ihm aufgeworfenen Fragen zum Wert einer Gesellschaft, in der das Denken weh tut, auseinanderzusetzen.

Da wird es auf der Bühne ganz still, minutenlang. Der Zeppelin schwebt; die Akteure halten inne – und denken. Viele im Publikum haben das nicht ausgehalten und sehr schnell mit fröhlichem Klatschen und Johlen dem Nachsinnen den Garaus bereitet. Test nicht bestanden. Das ist denn schon zum Heulen.

Peter Claus, kulturradio

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