Staatstheater Cottbus: Menschenskinder, © Staatstheater Cottbus / Marlies Kross
Bild: Staatstheater Cottbus

Bühne - Staatstheater Cottbus: "Menschenskinder"

Bewertung:

Am Ende des Abends mit Choreografien von Birgit Scherzer und Nils Christe hat es die Zuschauer förmlich von den Sitzen gerissen. Es gab sehr viel Applaus und das zu Recht.

Das Ballett des Staatstheater Cottbus ist im Aufwind. Acht feste Tänzerstellen gibt es schon, für größere Produktionen werden weitere Tänzer hinzu engagiert – so auch jetzt für "Menschenskinder" – einen Abend mit Choreografien von Birgit Scherzer und Nils Christe. Das Theater hat seit einem Jahr das Konzept, Meisterchoreografien zu zeigen – das können ältere Werke sein oder relativ neue, wie "Cantus" von Nils Christe, das vor zwei Jahren in Holland herauskam. Da war die Premiere in Cottbus sogar die deutsche Erstaufführung. Entscheidend ist, dass es sich um charakteristische Handschriften des modernen Tanzes handelt.

"Keith": Reich an Ausdruck und Energie

Birgit Scherzer ist mit "Keith" an der Komischen Oper 1988 groß herausgekommen. Damals war es in Ostberlin noch unüblich, Balletttänzer zu Jazzmusik auftreten zu lassen. Die Aufführung war ein Freizeitprojekt, das Birgit Scherzer quasi nebenbei am Nachmittag einstudiert hat und von dem sie selbst nie erwartet hätte, dass es so ein Erfolg werden würde.

Aber in dem Stück hat halt alles gestimmt: Keith Jarrett war populär, sein improvisiertes Kölner Konzert war auch in der DDR als Schallplatte erschienen, und so traumverloren und frei wie die Musik war auch der Tanz - ungewöhnlich für die DDR, ein Ausbrechen aus Konventionen, eine Befreiung des Gefühls und doch eine Bewegungssprache, der man das klassische Ballett noch anmerkt. Hohe Sprünge, perfekt gestreckte Beine, Geschwindigkeit. Sieben junge Männer, die ihre Lebensfreude zeigen – mal einzeln, mal in verschiedenen Gruppenkonstellationen. Das ist so reich an Ausdruck und Energie, dass Birgit Scherzer bis heute immer wieder gefragt wird, das Stück irgendwo neu einzustudieren.

Neu erfunden & aus einem Guss

Dabei ist es ihr wichtig, dass das Alte nicht einfach kopiert wird. Die Stücke werden mit neuen Tänzern, die ja alle verschiedene Talente haben, neu erfunden. Dadurch wirkt die Aufführung in Cottbus sehr frisch – nicht wie ein abgehangener Klassiker. Da ist Energie, da ist Lebensfreude – ganz so, als wäre das Stück gerade erst entstanden. Birgit Scherzer ging auf die Tänzer ein und hatte auch kein Problem, als in Cottbus kurz vor der Premiere zwei ihrer Akteure ausfielen. Sie hat die Choreografie umgestellt und einen Tanzpart komplett gestrichen, aber man merkt es nicht - alles wirkt wie aus einem Guss. Auch ihre andere Choreografie "Anywhereme", die in Cottbus zum Beginn des Abends gezeigt wurde.

Staatstheater Cottbus: "Menschenskinder" | "Anywhereme", © Staatstheater Cottbus / Marlies Kross
Venira Welijan und Alexander Teutscher in "Anywhereme" © Staatstheater Cottbus / Marlies Kross

"Anywhereme": Miniaturen menschlicher Beziehungen

Da geht es um Paare – um Männer und Frauen, die umeinander werben, miteinander streiten, sich versöhnen und sich gegenseitig umschlingen – lauter Miniaturen menschlicher Beziehungen, oft sehr schnell getanzt zur brüchigen Musik der Band Portishead. Die Stimmung schwankt. Liebe, Hass und routinierte Anmachrituale stürzen durcheinander. Aber auch das wirkt zeitgemäß, obwohl die Arbeit auf einer Choreografie aus dem Jahr 1991 beruht.

"Cantus": Inszenierte Musik & starke Bilder

Mit "Cantus" von Nils Christe, das 2015 uraufgeführt wurde, haben Birgit Scherzers Stücke auf den ersten Blick wenig gemein. Der holländische Choreograf möchte keine Beziehungskisten beschreiben, sondern setzt ganz auf Abstraktion. Bei ihm haben jeweils alle Männer und alle Frauen die gleichen Kostüme an und tanzen in großen Gruppen. Synchronität ist wichtig. Wenn sich Einzelne aus der Gruppe lösen, dann geht es nicht um Einzelschicksale, sondern eher um Energie, um Kontraste von langsam und schnell, zarten und abrupten Bewegungen.

Doch trotz dieser Abstraktion erzeugt die Aufführung starke Bilder. Die Kulissen zeigen einen feuerroten Abendhimmel. Am Anfang und am Ende wird mit einem großen Tuch gespielt, das waagerecht  über die Bühne gespannt Wellen schlägt – man hat also den Eindruck, dass die Tänzer aus einem Meer auftauchen. Doch diese Deutung ist schon wieder viel zu konkret. Nils Christe betont, wenn er über seine Arbeit spricht, immer wieder, dass er keine Geschichten inszeniert, sondern einfach die Musik.

Kein Raum für Improvisation

Dass man trotzdem das Gefühl hat, dass seine Choreografie mit den viel älteren Stücken von Birgit Scherzer zusammengehört, hat damit zu tun, dass er zum Teil aus dem gleichen Bewegungsmaterial schöpft. Da gibt es den Spitzentanz und die Pirouetten des klassischen Balletts, die aber mit freien Bewegungen verschmolzen werden – sehr schnell, sehr athletisch und elegant, aber eben nie beliebig. Da ist kein Raum für Improvisation. Alles ist genau festgelegt. Das Cottbuser Ensemble bewältigt diese oft extrem komplexe Choreografie mit Bravour. Am Ende hat es die Zuschauer förmlich von den Sitzen gerissen. Es gab sehr viel Applaus und das zu Recht.

Oliver Kranz, kulturradio

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