Staatstheater Cottbus: Wilhelm Tell © Andreas Köhring
Andreas Köhring
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Bühne - Staatstheater Cottbus: "Wilhelm Tell"

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Mit Rütli-Schwur und Apfelschuss, mit dem Mythos vom Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell ist am Wochenende Jo Fabian, der neue Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus, in seine erste Saison gestartet.

Jo Fabian, in den 90er Jahren in Berlin mit bildersattem, ironischem und surrealistischem Tanztheater berühmt geworden, hat seine eigene Friedrich-Schiller-Bearbeitung des "Wilhelm Tell" nun an der Kammerbühne des Cottbusser Staatstheaters gezeigt.

Staatstheater Cottbus: Wilhelm Tell © Andreas Köhring
© Andreas Köhring | Bild: Andreas Köhring

Nationalhelden-Drama als finstere Farce

Jo Fabian hat aus Schillers Nationalhelden-Drama in stark gekürzter Fassung eine finstere Farce entworfen, eine urkomische Satire, die über dunklem Abgrund wandelt. Dies ist keine Heldengeschichte, kein Gründungsmythos in heroischem Freiheitskampf sondern eine schauerliche Posse über Diktatur und Tyrannei, über die Gefahren von Nationalismus und Populismus.

Bei Jo Fabian sind die Schweizer Landleute tumbe Biedermänner, die ihre Ruhe lieben, die Fremde misstrauisch beäugen und nur ihren selbstgebrannten Schnaps trinken und ein bisschen kegeln wollen. Das Ganze spielt in einer rustikale Kneipe mit Kegelbahn und Hirschgeweihen, die Schweizer Berge sind nur auf einem Monitor zu sehen, wie auch originale und sehr kitschige Schweizer Tourismus-Werbe-Spots. Und ehe es zu Rütlischwur und Aufstand gegen den Reichsvogt Geßler kommt, sind eine Menge Schnapsgläser geleert. Der Schweizer Gründungsmythos wird zur Kneipenrevolution von Zechkumpanen und zum Ergebnis einer Kneipenschlägerei.

Sinnvolle Kürzungen auf Grundkonflikte

Dafür hat Jo Fabian erhebliche Eingriffe in den Text vorgenommen. Es sind nur die drei wichtigsten Schweizer Landleute übrig, Stauffacher, Fürst und Melchtal, die Liebesgeschichte zwischen Rudenz und Berta ist ganz gestrichen, wie auch die berühmten Sprüche vom Meister, der sich früh üben muss und von der hohlen Gasse, durch die hier ohnehin keiner kommen kann, weil es nicht gibt. Ein sehr sinnvolles Verkürzen des Dramas auf die Grundkonflikte und satte 1.5 Stunden Spieldauer.

Untertanengeist und Schluchtenscheißer

Neu hinzugekommen ist ein deutscher Dichter namens Schubart, offensichtlich angelehnt an den Sturm-und-Drang-Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart. Da Fabian offenbar allen Heldenfiguren misstraut, ist dieser Mann ein schreckhafter Stubentiger und Zipfelmützenträger, Karikatur des deutschen Michel, ein Mann, der als Erzähler dient, als Fremder und Piefke von den Schweizern nur geduldet und von Axel Strothmann grandios als zitternder Feigling charakterisiert wird.

Ebenso präzise und bestechend in der Überzeichnung spielen Thomas Schweiberer, Matthias Horn und Boris Schwiebert die Schweizer Landleute als schrullige, behäbig-gemütliche Kneipenschnorrer und Schwadroneure in Lederhosen, Wams und Filzhüten mit Federn, "Schluchtenscheißer" werden sie von Geßler genannt, was sie nicht weiter zu stören scheint.
Jo Fabian setzt hier den Untertanengeist in Szene, zeigt unterwürfige Charaktere, die vor der Macht des Reichsvogts kuschen, sich gegenseitig denunzieren und nur im Suff zur Revolution rufen, aber auch das nur hinter verschlossenen Türen, wenn es niemand hören kann.

Staatstheater Cottbus: Wilhelm Tell © Andreas Köhring
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Geckenhafter dämonischer Wicht gegen aufbrausenden Waldschrat

Reichsvogt Geßler ist dank Wolf Gerlach ein tänzelnder geckenhafter Wicht im Machtrausch, ein wortgewaltiger Scharlatan und gefährlicher Populist, dämonisch in seiner launischen Unberechenbarkeit, im Schwanken zwischen Leutseligkeit und Grausamkeit, ein Aufsteiger mit Allmachtsfantasien, der ein jämmerliches Ende findet. Und der Wilhelm Tell von Denis Schmidt ist hier nur Nebenfigur, ein dicker Waldschrat mit langen fettigen Haaren, der nur zum Saufen in die Kneipe kommt, ein kauzig-muffeliger aufbrausender Trinker, der eher zufällig ins Scharmützel gerät und der beim Apfelschuss versagt. Denn hier misslingt der Schuss auf den Apfel auf dem Kopf des Sohnes, der Junge, eine Holzpuppe, stirbt und Tell stürzt sich im Tobsuchtsanfall auf Geßler und erwürgt ihn am Bühnenrand, ein schäbiger Tod. Dieser Wilhelm Tell taugt nicht zum Nationalhelden, wie auch dieser Geßler den Tyrannenmord nicht wert ist, nur einen Totschlag im Affekt.

Die dunkle Seele des Biedermanns

Jo Fabian hat aus Schillers Heldendrama eine subversive Farce destilliert. Mit den Mitteln des trivialen Schwanks, mit comichafter, klamaukig-satirischer Überzeichnung blickt er in die dunkle Seele des Biedermannes, zeigt, wie gefährlich diese einfältigen tumben Toren werden, wenn der Nationalismus sie packt. Die Rütli-Schwur-Szene ist zum Fürchten, wenn sie fanatisch vom Nationalstolz berauscht Freiheit brüllen, aber nur das eigene kleine Bergtal damit meinen, da kann die Hand schon mal zum Hitlergruß nach oben rutschen. Das ist eine Warnung vor Abschottung und Fremdenfeindlichkeit, vor Rechtspopulismus und Nationalismus und vor autoritären Charakteren, die nur Unterwerfung oder blindwütige Gewalt gegen das kennen, was sie als das Andere ablehnen.


Jo Fabian hat eine klischeegesättigte, schwarzhumorige Komödie inszeniert, die perfekt vor sich hin schnurrt, Text, Musik, Schauspiel in meisterhafter Einheit. Man sieht, dass die Inszenierung seit der Uraufführung 2014 am Jungen Theater an der Ruhr gereift ist zu einer schelmischen Narretei, ungemein komisch und zum Fürchten. Ein gelungener, raffiniert gesetzter Akzent zum Auftakt von Jo Fabians Schauspieldirektion in Cottbus.

Frank Schmid, kulturradio

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