"Eine Familie" © Birgit Hupfeld
Bild: Birgit Hupfeld

Berliner Ensemble - Tracy Letts: "Eine Familie"

Bewertung:

Nirgendwo sitzen so viele Neurosen zusammen wie an der gedeckten Tafel einer Familienfeier. Das hat der amerikanische Dramatiker Tracy Letts für sein Stück "Eine Familie" genutzt – und eine bitterböse Wohnzimmerschlacht aus dem Zusammentreffen der ganzen Mischpoke gemacht.

Dafür hat Letts nicht nur den Pulitzerpreis gewonnen, sein Muttermonster Violet hat es mit Meryl Streep in der Verfilmung "Im August in Osage County" auch ins Kino geschafft. Und am Theater ist das Stück ein Publikumsrenner. Am Berliner Ensemble hat der neue Intendant Oliver Reese seine Inszenierung aus Frankfurt mitgebracht – und sie nun auch dem Berliner Publikum vorgeführt.

Jeder trägt sein Paket an Lebenslüge

Im Stück trifft man auf eine bekannte Grundkonstellation: Das Zusammenkommen einer Familie, in der jeder sein Paket an Verletzung, an Lebenslüge, an verfehltem und ungelebtem Leben hereinträgt. Tracy Letts überzeichnet die Situation jedoch stark, mit der Grausamkeit und dem Narzissmus dieser Menschen wird kaum jemand in der realen Welt mithalten.

In funkelnden, pointierten Dialogen sagen diese Figuren in aller Schärfe, was man bei solchen Feiern dem Onkel oder der Mutter selbst gern mal ins Gesicht schleudern würde – sich dann aber eben doch zusammenreißt. Letts hat ein Wellmade-Play ganz in der Tradition von Tennessee Williams oder Edward Albee geschrieben. Diese Neurosenherde sind natürlich grandioses Schauspielerfutter. Zudem ist es ein Stück, das das Wegbröckeln der amerikanischen Mittelschicht spiegelt.

"Eine Familie" © Birgit Hupfeld
Berliner Ensemble © Birgit Hupfeld

Die ruinierte Familie steckt miteinander fest

Zentrum des Stücks ist die tablettenabhängige Mutter Violet. Sie sitzt mit ihrem Mann Beverly, einem vereinsamten, versoffenen Schriftsteller in einem stockfinsteren Haus in der Einöde von Oklahoma. Eines Tages verschwindet Beverly – und Violet trommelt die völlig auseinandergefallene Familie zusammen: ihre drei Töchter mit Anhang, ihre Schwester und deren Familie.

Nach ein paar Tagen wird Beverlys Leiche gefunden, er hat sich umgebracht. Und so steckt diese ruinierte Familie länger als nur ein, zwei Tage miteinander fest. Und diese schreckliche Diktatorin Violet, bei der jedes Wort ein Giftpfeil ist, macht ihren Töchtern das Leben zur Hölle. Die bringen ohnehin ihre eigenen Ehekrisen, ihre pubertierenden Kinder, ihre neuen Partner mit – hier tun sich Abgründe auf, die um so tiefer werden, je länger man hineinschaut.

Ein Abend der großen Stars

Am Berliner Ensemble wird daraus ein Abend der großen Stars: Corinna Kirchhoff, Constanze Becker, Bettina Hoppe, Wolfgang Michael stehen auf der Bühne – zusammen mit vielen herausragenden Kollegen. Im Mittelpunkt steht Corinna Kirchhoff in der Rolle der grausamen Matriarchin.

Sie wankt im seidenen Bademantel über die Bühne, so dünn und blass, dass man meint, der nächste Windhauch wird sie von den Highheels pusten. Aber sie setzt mit einem divenhaften Stolz und einer Eiseskälte ihre Messerstiche so gezielt wie ein blonder Racheengel. Constanze Becker als älteste Tochter wandelt sich von der verletzten, betrogenen Ehefrau in ein rotziges und völlig desolates Wrack.

Mit Star-Aufgebot

Doch in diesem Star-Aufgebot liegt auch ein Problem. Man sieht den Schauspielern zwar gern dreieinhalb Stunden lang zu ­– aber die Geschichte schafft es nicht in die Eingeweide. Man lacht über die bösen Pointen – bei dem, was hier auf den Tisch kommt, müsste einem aber eigentlich das Blut gefrieren. Und man müsste spüren, dass wir diese verzweifelte Brutalität, mit der die Figuren agieren, auch in uns selbst liegt.

Die Glaubwürdigkeit leidet

Doch die hoch virtuosen Schauspieler haben womöglich ein bisschen zu viel Spaß daran, das eigene Können spazieren zu führen und zu zeigen, jedes Werkzeug aus dem Schauspieler-Besteckkasten bedienen zu können. Oliver Reese ist (zu Recht!) so stolz auf sein Ensemble, dass er leise Szenen zur lärmigen Nummer aufbauschen lässt. Etwa die Episode, in der Violet ihre Töchter anherrscht, sich doch nicht ewig über ihre doch im Großen und Ganzen sehr behütete Kindheit zu beschweren.

Und dann bricht aus ihr heraus, wie sie selbst als Kind fast totgeschlagen wurde, wie ihre eigene Kindheit nur von Gewalt und Hass bestimmt war. Ein Moment im Stück, in dem man eigentlich schlucken muss, in dem man eine Ahnung bekommt, wie viel Leid und Verzweiflung in diesem grausam gewordenen Menschen selbst liegt. Corinna Kirchhoff lärmt hier aber ausgedehnt in solch unangenehmen Tonlagen, dass man keinen Funken Mitgefühl verspürt. Es ist schlicht too much – auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Reese inszeniert konventionell

Nur Bettina Hoppe, die in der Berliner Fassung neu als jüngste Schwester besetzt wurde, macht, dass es mucksmäuschenstill wird, wenn sie von ihrer Mutter den verbalen Todesstoß gesetzt kriegt. Sie hat ihrer Figur eine Verletzlichkeit gegeben, menschliche Zwischentöne. Es ist und bleibt jedoch ohnehin ein Geburtsfehler amerikanischer Wellmade-Plays in dieser Tradition, die Dialoge derart zuzuspitzen, dass das Pointen-Feuerwerk geradezu aufmuntert, auf den Putz zu hauen.

Reese inszeniert konventionell: Über der Bühne werden Videos von amerikanischer Weite, schnurgeraden Highways und in der Hitze flirrender Prärie eingespielt, darunter legt eine Country-Band einen Soundtrack, der Gefühle verstärken soll. Auf diese Tricks hätte man verzichten können, wenn man mehr auf die Glaubwürdigkeit der Figuren gesetzt hätte.

Aber es bleibt Jammern auf hohem Niveau: Man kann sich an diesem Abend auch schlicht zurücklehnen und großen Schauspielern dabei zusehen, wie sie sich mithilfe ihrer familienbedingten Traumata gegenseitig zerfleischen. Ganz schmerzfrei.

Barbara Behrendt, kulturradio

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