Berliner Ensemble | Selbstbezichtigung: Stefanie Reinsperger © Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien
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Berliner Ensemble - "Selbstbezichtigung"

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Mit der Inszenierung seiner "Publikumsbeschimpfung" wurde Peter Handke berühmt. Ein weiteres seiner frühen Sprechstücke ist die "Selbstbezichtigung". Regisseur Dusan David Parízek hat es als Monolog inszeniert.

Peter Handke, einer der grantelnden Großmeister der österreichischen Literatur, wird im Dezember 75 Jahre alt. In den vergangenen Jahrzehnten sorgte er allerdings für mehr Schlagzeilen mit seiner Haltung zum Jugoslawien-Konflikt als mit seinen Büchern. In den 60er Jahren war das anders: Seine "Publikumsbeschimpfung" machte ihn auf Anhieb als Enfant terrible des Theaters berühmt. Auch die "Selbstbezichtigung" ist ein Stück aus diesen frühen Jahren. Dušan David Pařízek hat es am Wiener Volkstheater als Monolog inszeniert – mit der Schauspielerin Stefanie Reinsperger ist dieser nun ans Berliner Ensemble gewandert.

Handke ganz anders

Der Text von 1965 ist auf der Bühne heute natürlich längst nicht mehr eine solche Provokation wie damals. Die "Selbstbezichtigung" muss man stets in einem Atemzug mit der "Publikumsbeschimpfung" nennen, denn beide gehören zur selben frühen Serie, es sind Gegenstücke zueinander. In der "Publikumsbeschimpfung" werden die Zuschauer direkt angegriffen und angeklagt, sie stehen im Zentrum.

In der "Selbstbezichtigung" spricht die Figur auf der Bühne nur von sich selbst – das Publikum wird zu einem Gericht, einer höheren Instanz, vor der gebeichtet wird. Beide Texte sind in Handkes frühem juristischen Anklagestil geschrieben und richten sich gegen das bildungsbürgerliche Traditionstheater. Heute ist es längst gang und gäbe, dass ein Schauspieler ohne klare Rolle auf der Bühne steht und das Publikum instrumentalisiert. Trotzdem zeigt Pařízek, dass man diesen Text noch immer gewinnbringend auf die Bühne bringen kann – nur eben ganz anders, als Handke sich das gedacht hat.

Kritik an Floskeln

Handke beschreibt in der "Selbstbezichtigung" mit einem Sprecher oder einer Sprecherin das unausweichliche Schuldigwerden in der Gesellschaft, egal, was man tut.

Das kann ein ganz existenzielles Scheitern sein: "Ich bin nicht gewesen, wie ich hätte sein sollen. Ich bin nicht geworden, was ich hätte werden sollen." Es steckt aber auch viel Ironie in diesem Text, wenn er beschreibt, wie unmöglich es ist, alle Gesellschaftsregeln zu berücksichtigen: "Ich habe mit unzureichendem Schuhwerk Berge bestiegen. Ich habe das Obst nicht gewaschen. Ich habe Haarwasser vor dem Gebrauch nicht geschüttelt."

Und das Wichtigste: Handke übt umfassend Kritik an Floskeln und völlig entfremdeten Sprachschablonen, die wir uns überziehen. Damit verdeutlicht er, wie wenig individuell die komplette menschliche Existenz womöglich ist. Er zitiert Worthülsen: "Ich habe das Lachen befreiend genannt. Ich habe den Zeigefinger moralisch genannt."

Der Text gehört zu Handkes sogenannten "Sprechstücken". Hier spricht keine Figur, hier spricht nur die Sprache. Die Welt der Worte ist Gegenstand. Deshalb, so Handke, kann es in den Sprechstücken keine Handlung geben. Das "Ich", das hier spricht, ist ein grammatikalisches, kein persönliches.

Pařízek und seine Schauspielerin haben daraus das genaue Gegenteil gemacht. Die Verallgemeinerung, mit der Handke zeigt, wie gleichermaßen schuldig wir sind, wird bei Stefanie Reinsperger zu einer intimen Selbstabrechnung. Das Unpersönliche, das Abstrakte (tatsächlich ein Problem Handkes früher Stücke) soll hier persönlich, individuell menschlich werden. Pařízek inszeniert das Stück als Reise von der Geburt bis hin zur Lebensbilanz.

Berliner Ensemble | Selbstbezichtigung: Stefanie Reinsperger © Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien
© Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien

Eine laute, mitreißende Wucht

Stefanie Reinsperger, Schauspielerin des Jahres 2015 und in dieser Rolle für einen Nestroy nominiert, macht das sehr eindrücklich. Zunächst liegt sie nur mit Unterhose bekleidet in Embryohaltung auf einem weißen Bühnenstreifen und schmeckt ganz verwundert die Sätze von ihrem Gezeugt- und Menschwerden ab. Dazu erscheinen verschwommen Kinderbilder von ihr auf der Leinwand. Dann referiert sie stolz, was sie alles gelernt hat auf dieser Welt und heute kann. Später kämpft sie mit dem Sollen; und schließlich spuckt sie das Scheitern am Regelwerk heraus.

Reinsperger kann diese gleichförmige Litanei so mit Leben füllen, dass man in jeden Satz hineingezogen wird. Das ist eine Kunst. Auch um ihre Biografie als Schauspielerin geht es explizit – Szenen aus früheren Rollen werden per Video eingespielt, die sie dann mitrappt, rauskotzt, mit Handke unterlegt. Die leisen Töne sind nicht ihre Sache, dafür ist sie eine laute, mitreißende Wucht.

Handfest veranschaulicht

Dieser Handke steht 2017 also ganz anders auf der Bühne als 1966. Man kann durchaus bedauern, dass das Überindividuelle in dieser Inszenierung in den Hintergrund gedrängt wird. Es hat etwas Voyeuristisches, Reinsperger bei ihren verzweifelten, wütenden, auch komischen Selbstgeißelungen zuzusehen. Durch das Einbeziehen ihrer persönlichen Biografie besteht die Gefahr, mehr auf die Schauspielerin zu schauen als auf das große Ganze.

Aus Handkes Frage: "Wie individuell ist die menschliche Existenz?" wird hier "Wie individuell bin ich?". Doch vielleicht braucht es diese Anpassung an unsere Zeit. Vielleicht muss man den abstrakten Handke-Text heute so handfest veranschaulichen, um ihn überhaupt noch spielen zu können. Manche existenzielle Fragestellung nimmt man denn auch mit nach Hause – das gelingt wahrlich nicht jeder Inszenierung.

Barbara Behrendt, kulturradio

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