Deutsche Oper Berlin: L'Invisble mit Rachel Harnisch; © Bernd Uhlig
Bernd Uhlig
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Deutsche Oper Berlin - "L'Invisible"

Bewertung:

Hinter dem "Unsichtbaren", Aribert Reimanns fünftem Bühnenwerk für die Deutsche Oper, verbirgt sich: der Tod. Er umschreibt das Thema, auch das Trauma des Abends – und seinen Mut.

Gegen den Satz von Alfred Hitchcock nämlich, man dürfe in einer Geschichte nie ein Kind sterben lassen, verstößt Reimann gleich mehrfach. Erstaunlich, in welch einhelligem Jubel der Abend aufging.

Die 90 dichten Minuten vergehen im Handumdrehen. Drei symbolistische Vorlagen von Maurice Maeterlinck (L’Intruse, Intérieur, La mort de Tintagiles) werden von Regisseur Vasily Barkhatov in surreale Bilder übersetzt: Die beleuchtete Häuserfront, die zurückweichend Innenräume freigibt, erinnert an René Magritte.

Die französische Kurz-Trilogie handelt von drei kleinen Todesparabeln. Eine Mutter stirbt bei der Geburt ihres Sohnes. Der Selbstmord einer Tochter wird mitgeteilt. Ein Thronfolger wird um die Ecke gebracht.

Diese Geschichten überblendet Barkhatov durch zusätzliche Erzählebenen. So sind die Schwestern, die im letzten Teil den Tod Tintagiles nicht hindern können, bei ihm Klinik-Schwestern (und das Kind ein Krankenhaus-Patient). So gelingt es, ein in der Handlung durchlaufendes Rätselspiel zu spinnen. Handwerklich glänzend gemacht.

Unerhört schöne Melodien

Musikalisch findet der 81-jährige Reimann, vielleicht erstmals, zu einer entspannten, geläutert milden Tonsprache ohne alle Aufgeregtheit oder gar Hysterie. Sein Geniestreich, ich kann es nicht anders sagen, besteht darin, wie er die drei Teile durch unterschiedliche Instrumentation sauber voneinander trennt (erst nur Streicher, dann nur Bläser, dann beides). Um dadurch eine atemberaubende Steigerung und Dramatik zu erzielen. Und dadurch Einheit zu stiften.

Was anfangs ein atmosphärisches Flirren und Fiepen zu sein scheint, enthält noch im 2. Teil zahlreiche Anklänge an "Pelléas et Mélisande", die Maeterlinck-Oper von Debussy. Zum Besten, was ich von Reimann überhaupt kenne, gehören die unerhört schönen Melodien und Orchestrationskünste zu Beginn des 3. Teils, die Reimann indes dazu verwendet, das Grauen zu malen. Fulminant!

Runnicles macht's sehr gut

Ein Kunstgriff auch, wie der Komponist die weibliche Hauptfigur – mit glasherber Klarheit: Rachel Harnisch – aus drei Nebenfiguren zusammensetzt. Stephen Bronk, gleichfalls in drei Rollen, wird zeitweilig José van Dam (einem Debussy-Granden der Vergangenheit) immer ähnlicher.

Mir etwas zu seifig: die drei Countertenöre, die auch die Zwischenspiele besingen. Dirigent Donald Runnicles tut endlich einmal einen Schritt aus seiner Wagner-Wohlfühlzone heraus. Und macht's sehr gut. Vom Haus her: super gelöst. Nach dem Motto: Willkommen zuhaus'.

Wie leicht hätte dies kurze Stück sich verläppern können! Doch nichts davon. Bei dieser wichtigsten Opern-Uraufführung des Jahres spürt man, dass es für Reimann, einem angenehm skrupulösen und schamvollen Komponisten, um dringliche, biografische Todeserfahrungen geht. (In diesem Fall um den Kriegs-Tod des eigenen Bruders, seiner Bezugsperson, als Reimann acht Jahre alt war.)

Das muss ein Grund mit dafür sein, dass es sich bei diesem "Invisible" um einen zum Heulen schönen Uraufführungs-Erfolg handelt.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

Aribert Reimann: "L'Invisible"

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