Deutsches Theater:"Das Mädchen mit dem Fingerhut"
Bild: Deutsches Theater; © Arno Declair

Deutsches Theater, Box - "Das Mädchen mit dem Fingerhut"

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Es klingt wie der Roman der Stunde: Ein kleines Mädchen, vermutlich eine Geflüchtete, gerät in irgendeiner westeuropäischen Stadt unter die Räder. Michael Köhlmeiers Buch aus dem Jahr 2016 lässt an eine realistische Geschichte denken – der Titel "Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erinnert dagegen mehr an Hans Christian Andersen.

Der Regisseur Alexander Riemenschneider hat die Erzählung auf die Bühne gebracht: Bei den Ruhrfestspielen wurde die Inszenierung uraufgeführt, nun ist sie ans koproduzierende Deutsche Theater in die Hauptstadt gewandert.

Der Stoff ist aber weder Märchen noch Flüchtlingsdrama. Köhlmeier selbst gibt an, beim Schreiben mehr vom Mythos der Wolfskinder fasziniert gewesen zu sein – das merkt man dem Buch an: Im Zentrum stehen drei Kinder, die mitten im reichen Europa halb verhungert durch die verschneiten Wälder ziehen und außerhalb unserer moralischen Grenzen ums Überleben kämpfen. Man könnte es vielleicht eine Parabel nennen auf den sprachlosen, namenlosen, schicksalslosen Menschen als Flüchtling. Köhlmeier schreibt in einer kargen, lakonischen, schlichten Sprache – sie hat nichts märchenhaft Anschauliches. Aber sie ist dicht, klar und stark.

Deutsches Theater:"Das Mädchen mit dem Fingerhut"
Jeder stirbt für sich allein, © Gerard Allon

Wolfskinder

Das "Mädchen mit dem Fingerhut“ ist sechs Jahre alt, als es in einem Geschäft abgestellt wird, von einem Mann, den es Onkel nennt. Hier soll es um Essen betteln, abends sammelt der Onkel es unbemerkt wieder ein. Irgendwann kommt der Onkel nicht mehr und das Mädchen irrt durch den Schnee, übernachtet im Müllcontainer, wird halb erfroren ins Heim gebracht. Hier trifft es auf zwei größere Jungs, einer spricht dieselbe Sprache und schenkt ihm einen golden glänzenden Fingerhut, den es sich über den verletzten Daumen zieht. Sein einziger Schatz. Die Jungs flüchten mit der Kleinen, schlagen sich durch den Wald, brechen in ein Haus ein, hauen sich die Bäuche voll, landen bei der Polizei, laufen wieder weg. Das Mädchen wird krank und schließlich von einer Frau gerettet, die es dann wie ihr Eigentum gefangen hält – was in einem verzweifelten Gewaltausbruch endet.

Sprachlosigkeit und karger Stil

Dieses Mädchen kennt seinen Namen nicht – es wurde von niemandem gerufen, deshalb muss es sich selbst einen Namen geben: Yiza. Yiza hat keine Heimat, keine Eltern und spricht nicht, weil sie nicht versteht. Diese Sprachlosigkeit ist das zentrale Motiv, daher der karge Stil: Der Erzähler schaut dem stummen Mädchen über die Schulter und verstummt fast selbst dabei. Es ist wahrlich keine Erzählung, die auf die Bühne drängt – doch dorthin hat Alexander Riemenschneider sie nun gestellt.

Die hintere Bühnenwand ist pechschwarz und mit leuchtenden Punkten übersät. Man denkt an Schneeflocken in der Winternacht, ans Universum mit leuchtenden Sternen ­– ein sehr poetisches Bild. Davor stehen die Schauspielerin Kotti Yun und der Schauspieler Thorsten Hierse, beide weiß geschminkt. Und ein ebenfalls weiß geschminkter Musiker, der zu diesem dunkel-romantischen Verlorenheitsbild mit seinem elektrischen Cello wie aus dem Orbit halb melancholische Töne herbeistreicht, -rupft und -zerrt.  

Literatur für Nichtleser

Riemenschneider hat den Text nicht dramatisiert, sondern schlicht gekürzt und lässt ihn abwechselnd von den beiden Schauspielern erzählen. Sie entwerfen dazu kleine Choreografien, schmiegen sich aneinander, umschleichen und umtanzen sich. Das machen sie sehr anschaulich, man taucht mit ihnen in die Geschichte ein. Der Regisseur führt den Stoff allerdings direkt ins märchenhaft Poetische, beinahe ins Sentimentale. Der schroffe, lakonische Köhlmeier-Ton wird überdeckt vom Sternenglitzern und Cellosound.

Wer den Roman nicht gelesen hat, mag sich daran nicht stören. Der Abend vermittelt sozusagen die Literatur an Nichtleser. Wer das Buch nicht kennt, bekommt hier Nachhilfe – es wird ihm eine schaurig schöne Geschichte vorgetragen, mit Atmosphäre und szenischer Einrichtung. Es ist nur überhaupt nicht einzusehen, wie die Bühne diesen Roman bereichern würde.

Adaptionen ohne Sinn für die Bühne

So ist das leider häufig. Etwa die Hälfte der Theaterspielpläne machen inzwischen Romanadaptionen aus – allein in den letzten vier Wochen hat das Kulturradio Bühnenfassungen von epischen Texten von Franz Kafka, Àgota Kristòf, Hans Fallada, Didier Eribon, Sinclair Lewis besprochen. Bei den wenigsten war die Adaption sinnvoll. Denn ein Roman stellt eine geschlossene Kunstform dar; er braucht die Bühne nicht. Ein Regisseur verengt ein Buch immer auf die Bilder, die sich beim Lesen in seiner eigenen Fantasie gebildet haben. Und natürlich ist er gezwungen, den Text auf die Länge eines Theaterabends einzukürzen.

Auch beim "Mädchen mit dem Fingerhut“ gilt: Man hat mehr davon, wenn man den Roman liest, statt Riemenschneiders schöne, aber reduzierte Bühnenfassung vorgetragen zu bekommen. Anders ist das bei einem Theaterstück: Es braucht die Bühne, es muss gesprochen werden. Erst dann öffnet es sich den verschiedenen Lesarten. Das Argument, es gäbe zu wenige gute Stücke, ist obsolet: Mag man Köhlmeiers Romane, muss man ihn beauftragen, ein Stück fürs Theater zu schreiben.

Barbara Behrendt, kulturradio

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