Donaueschinger Musiktage 2017, "Loops for Davis" von Bernhard Lang
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Bühne - Donaueschinger Musiktage 2017

Es sind die ersten Donaueschinger Musiktage, die der neue Leiter Björn Gottstein vollständig künstlerisch verantwortet – und man spürt neue Ansätze in Richtung Performance und neue Konzertformen.

Ein reines Musikfestival war es nicht – dazu geht der Trend in der Neuen Musik auch zu sehr in Richtung Performance. Ebenso wichtig wie die Musik sind dabei auch Elemente wie Konzept, Szene, Inszenierung oder Video. Mitunter ist auch die räumliche Trennung von Spielern und Publikum aufgehoben.

Das geht so weit, dass man mitunter die Instrumente kaum noch allein heraushört. Eine Aufführung für zwei Schlagzeuger und Kontrabass ist ein Gesamtkunstwerk aus Stroboskoplicht und Elektronik. Was dazu live gespielt und das zugesteuert wird, ist nicht mehr auseinanderzuhalten. Kurz gesagt: Die Musik ist oft nur ein Element – und nicht unbedingt immer das wichtigste.

Donaueschinger Musiktage 2017, "Transit" von Laurent Chétouane
"Transit" von Laurent Chétouane, © SWR/Ralf Brunner | Bild: SWR-Presse/Bildkommunikation

Inszenierte Konzerte

Immer öfter begegnet man der Form des inszenierten Konzertes – so auch in Donaueschingen bei einer Aufführung des Berliner Solistenensembles Kaleidoskop. Vier Stücke werden aufgeführt, aber in Erinnerung bleibt mehr der szenische Ansatz: Ein LKW wird rückwärts in den Saal gefahren. Sogleich stellen sich Assoziationen ein – zum Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Gemeint war hier sicherlich eher der gestoppte Schleuser-LKW auf der A12. Die Musikerinnen und Musiker spielen das erste Stück auf dem Lastwagen und steigen dann in Reisekleidung aus.

Für das nächste Element formieren sich alle zu einer Warteschlange. Die Halle wird so zur Aufnahmestation für Geflüchtete. Schließlich mischen sich alle mit ihren Instrumenten unter das Publikum, man wird sogar genötigt aufzustehen und mit ihnen zu gehen. Hier ist Trennung in Bühne und Publikumsraum endgültig aufgehoben. Nur ein Beispiel dafür.

Zwischen Nachrichtenjingles und Hardrock

Für Ihre Werke finden die Komponistinnen und Komponisten mehr und mehr außer- oder pseudomusikalische Anregungen. Ein Orchesterstück von Thomas Meadowcroft ist aus Nachrichtenjingles für das Fernsehen zusammengesetzt. Erstaunlich dabei: Wo ein solcher Jingle doch ankündigen soll, dass jetzt die aktuellen News kommen, klingt es musikalisch eher nach Hollywood.

Dagegen hat Martin Schüttler die Musikerinnen und Musiker des Ictus Ensemble u. a. danach befragt, wie sie zur Musik gefunden haben. Das hört man zunächst von zwei Moderatorinnen wiedergegeben, während das Ensemble gar nicht auf der Bühne sitzt, sondern per Video aus Containern zugespielt wird. Auch die rein musikalischen Anregungen kommen vom Jazz oder von Hard Rock und Noise – kurz: irgendwie von überallher.

Donaueschinger Musiktage 2017, Solistenensemble Kaleidoskop
Solistenensemble Kaleidoskop, © SWR/Adam Berry | Bild: SWR-Presse/Bildkommunikation

Bravos, Blumen und ein Fake-Stück

Eine Performance, die sich durch das komplette Festival gezogen hat, war „L’école de la claque“ von Bill Dietz. Er hat die Geschichte der Donaueschinger Musiktage nach Publikumsreaktionen durchstöbert und diese, in einem Büchlein zusammengefasst, minutiös dokumentiert, also: Beifallsentwicklungen, Jubel, Buhs, Zwischenrufe etc. Und das stellt er nun nach: Bei jedem Konzert gibt es von seinen Mitspielern merkwürdige Reaktionen wie rhythmisches Klatschen, Pfeifen oder kollektives Verlassen des Saals.

Das alles kulminierte in der Aufführung eines Stückes von einem gewissen Diego Grossmann. Diesen Namen hatte vorher noch niemand gehört. Als das Orchester damit anfing, wurde schnell klar, was dahintersteckte: Diese jämmerlich schlechte Komposition entpuppte sich als ein Fake-Stück von Bill Dietz – mit entsprechender Aktion seiner Claqueure.

Donaueschinger Musiktage im Programm

Márton Illés
SWR-Presse/Bildkommunikation

Der Komponist Márton Illés

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Donaueschinger Musiktage 2017, "Transit" von Laurent Chétouane
SWR-Presse/Bildkommunikation

Donaueschinger Musiktage 2017

Ein Überblick über 20 Uraufführungen und Klanginstallationen

Die Musik

Bei all diesen Aktionen wurde indes eines deutlich: Für sich genommen war die Musik dabei oft relativ dürftig, und so gehörten zu den stärksten Arbeiten des Festivals die Stücke, in denen es "nur" Musik ohne alles andere gab: ein Tripelkonzert von Andreas Dohmen etwa, in dem das Solistenensemble als Harfe, E-Gitarre und Klavier klanglich eine wunderbare Korrespondenz einging.

Auch ein Ensemblestück von Eivind Buene thematisierte rein musikalisch sehr intelligent Gruppenbildungen – was durch die grandiose Aufführung durch das Ensemble Musikfabrik hervorragend umgesetzt wurde. Sehr filigran ein neues Cellokonzert von Chaya Czernowin, eigentlich ein Solostück für Cello, bei dem das Orchester nur einen Klangraum gibt, wie ein fernes Echo.

Die Donaueschinger Musiktage haben diesmal sehr unterhaltsame Kost geboten – das Beste war dann jedoch, wenn es reine Musik gab (und dies unplugged).

Andreas Göbel, kulturradio

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