Gorki: Hundesöhne mit Linda Vaher und Loris Kubeng; © Ute Langkafel/MAIFOTO
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Bild: Ute Langkafel/MAIFOTO

Gorki Theater - "Hundesöhne"

Bewertung:

Romane für die Bühne zu adaptieren ist seit Jahren Trend im deutschen Theater. Am Gorki Theater hat sich Nurkan Erpulat jetzt nicht nur einen, sondern gleich drei Bücher vorgenommen.

Aus der Kriegstrilogie "Das große Heft", "Der Beweis" und "Die dritte Lüge" der berühmten ungarischen Autorin Ágota Kristóf hat er das Theaterstück "Hundesöhne" entwickelt.

Ein sehr ambitioniertes Projekt. Der erste Band "Das große Heft" war bereits mehrfach auf der Bühne zu sehen und ist 2013 fürs Kino verfilmt worden. Durchaus nachvollziehbar: Ágota Kristóf charakterisiert die Figuren darin über ihr Sprechen und Handeln – das ist auf der Bühne gut darstellbar. Sie schreibt zudem geradezu minimalistisch, mit kühler Konkretion, ohne blumige Erzählerausschweifungen.

Der zweite Band ist jedoch aus einer anderen Erzählerperspektive geschrieben – der dritte stellt sogar auf ziemlich komplexe Weise die Geschichte des ersten Bands infrage. Diese Gegensätze an einem einzigen Abend in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen – das ist nicht nur eine Überforderung für das Regieteam, sondern auch fürs Publikum.

Ergreifende Erzählung

Ágota Kristófs Trilogie, ab 1986 veröffentlicht, ist eine ergreifende, brutale Erzählung darüber, wie der Krieg die Kindheit und das Menschsein pervertiert. Eine Geschichte von Flucht, Heimat- und Identitätsverlust. Von der Mutter sind zwei Brüder zum Schutz vor Kugelhagel zur Großmutter aufs Land gebracht worden – alle nennen sie "die Hexe". Die Jungen müssen bei ihr ums Überleben schuften, sie verlumpen, verwahrlosen.

Weil sie unverletzbar werden wollen, härten sie sich mit Willensübungen ab: Sie essen nichts, bis sie keinen Hunger mehr spüren, sie schlagen sich blutig, bis sie keinen Schmerz mehr spüren, sie töten Tiere so lange bestialisch, bis sie kein Mitgefühl mehr spüren. Sie werden hart und kalt – aber sie entwickeln dabei eine ganz eigene Moral, sie helfen den einen und erpressen die anderen. Alles, was sie erleben, schreiben sie in ihr "großes Heft".

Einer der Brüder flieht in den Westen, der andere muss sich allein bei der Großmutter durchschlagen. Von dessen Leben in der Diktatur erzählt der zweite Band, im dritten Band kommt, so zumindest eine Lesart, der geflohene Bruder nach Jahrzehnten zurück und sucht seinen Zwilling.

Erschütternd an den Büchern ist auch das sich Auflösen von Wahrheit und Erzählung. Vielleicht war die schlimme, aber auch aufregende Kindheit viel trister als geschildert. Vielleicht gibt es nur einen realen Jungen – und einen eingebildeten Zwilling.

Nurkan Erpulat inszeniert drei ästhetisch ganz unterschiedliche Teile: Vom verspielten Märchen à la Brüderchen und Schwesterchen geht es über in ein pathosgeladenes Melodram – der letzte Band ist dann als abstrakt choreografierte Kopfinnenraumsituation angelegt: Alle sechs Schauspieler geben dieselbe Frau.

Von den Romanfiguren bleibt hier nur Oberfläche. Die Zwillinge gehen mit naiv-staunenden Kinderaugen durch die Welt, keine Spur von strafender Härte. Die Großmutter, eine Frau zwischen Hass, Verzweiflung, Verelendung, wird bei Çiğdem Teke zum harmlosen Kräuertweiblein. Und Taner Şahintürk gibt den beherrschten, intelligenten Zwillingsbruder später als grenzdebilen Kraftklotz.

Harte Geduldsprobe

Erpulat hechtet durch die Romane, streicht wichtige Schlüsselszenen und nimmt Ágota Kristófs Stil ausgerechnet jene beiden Dinge, die ihn auszeichnen: Die Brutalität, die Kälte der Figuren und die unsentimentale, fast chirurgisch präzise, lakonische Erzählweise. Dort, wo sich im Buch ein masochistischer Offizier von den Zwillingen in die Lust peitschen lässt, bis das Blut spritzt, kriegt er hier nur ein bisschen den Hintern versohlt. Erpulat verkitscht zudem den Stoff, indem er die Schauspieler melodramatisch wüten lässt.

Das wird nicht nur der Vorlage nicht gerecht – der vierstündige Abend entwickelt sich auch ganz ohne Abgleich mit dem literarischen Original zur harten Geduldsprobe.

Barbara Behrendt, kulturradio

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