Gorki Theater: Jeder stirbt für sich allein, © Gerard Allon
Gorki Theater, © Gerard Allon
Bild: Gorki Theater, © Gerard Allon Download (mp3, 5 MB)

Gorki Theater - "Jeder stirbt für sich allein"

Bewertung:

Sich von jüdischen Schauspielern auf Hebräisch (mit deutschen und englischen Übertiteln) vom NS-Regime erzählen zu lassen – dieser Abend kann einem schon nah gehen.

Mut gegen die nationalsozialistischen Machthaber hat der Schriftsteller Hans Fallada wenig gefunden – er hat mit Unterhaltungsliteratur im Dritten Reich überwintert und ließ sich sogar vom Reichsarbeitsdienst engagieren. Nach dem Krieg setzte er dann aber mit einem ergreifenden Roman einem Ehepaar ein literarisches Denkmal, das in der Nazizeit Postkarten gegen Hitler geschrieben hatte und denunziert worden war.

Mit einer Theaterfassung des Romans "Jeder stirbt für sich allein" in der Regie von Ilan Ronen gastierte das berühmte Habimah Theater aus Tel Aviv nun am Maxim Gorki Theater – und zwar im Rahmen des "Israelisch Deutschen Festivals". Das möchte israelisch-deutschen Malern, Tänzern, Musikern oder Theaterleuten eine Plattform für ihre Kunst bieten und die kulturelle Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern fördern.

Gorki Theater: Jeder stirbt für sich allein, © Gerard Allon
Jeder stirbt für sich allein, © Gerard Allon

Das Habimah-Theater

Das Habimah ist ein Theater mit ungewöhnlicher Geschichte. Gegründet hat es sich vor hundert Jahren in Moskau, die Truppe hat Russland dann 1926 verlassen und war fünf Jahre lang in Berlin situiert, bis sie 1931 nach Palästina emigrierte. Die Ästhetik dieses Theaters geht also aus einer russischen, deutschen, jüdischen und nichtjüdischen Geschichte und Tradition hervor. In seinen Berliner Jahren ist das Theater in der Stadt stark wahrgenommen und geschätzt worden. Eine schöne Idee also, das Habimah zum 100. Geburtstag einzuladen. Das Theater hat schon häufiger in Berlin gespielt – innerhalb des Festivals soll aber explizit die historische und kulturelle Verbindung des Habimahs mit Berlin erkundet werden.

Das Gastspiel lockte ein anderes Publikum als sonst ans Gorki: Die israelische Community war stark vertreten, Ilan Ronen saß mit seiner Tochter Yael, Hausregisseurin am Gorki, im Publikum. Das Aufgebot an Sicherheitsleuten war groß – am Eingang wurden die Taschen durchsucht, mit in den Saal nehmen durfte man sie nicht. So spannungsfrei, wie man sich das mit Blick auf die Vergangenheit wünschen würde, ist das deutsch-israelische Verhältnis leider immer noch nicht.

Nazi-Deutschland im Kleinformat

Um diese Vergangenheit geht es auch auf der Bühne: In Falladas Roman probt das Berliner Ehepaar Quangel den heimlichen Widerstand gegen das NS-Regime. Otto und Anna Quangel sind ganz einfache Leute aus der Arbeiterklasse. Sie interessieren sich wenig für Politik – bis ihr einziger Sohn im Krieg fällt. Da fängt Otto an, mit Postkarten, die er in Treppenhäusern auslegt, zum passiven Widerstand aufzurufen. Das Mietshaus, indem die Quangels wohnen, zeigt das Nazi-Deutschland in Kleinformat: Hier lebt auch eine stramme Nazi-Familie, daneben eine alte jüdische Frau, die beklaut und bedroht wird. Bald beginnt die Suche nach den Urhebern der Karten –  und das Gefüge von Macht, Gewalt, Angst, Unterdrückung entfaltet sich.

Der Roman

"Jeder stirbt für sich allein" war 1947 der erste Roman eines nicht-emigrierten deutschen Schriftstellers, der sich mit dem Widerstand gegen das NS-Regime auseinandersetzte. Fallada hat ihn in wenigen Wochen geschrieben – seine Erscheinung hat er nicht mehr erlebt. Erst 60 Jahre später, als das Buch übersetzt wurde, ist es zu einem Bestseller geworden.

Es ist ein anschaulicher, für viele Bildungsschichten zugänglicher Roman, der auf der wahren Geschichte von Otto und Elise Hampel beruht. Der reale Fall ist allerdings noch trister. Bei Fallada wird das Paar zwar auch gefasst und hingerichtet, es schützt sich aber zumindest gegenseitig. Das echte Paar hat sich im Angesicht des Todes wenig solidarisch verhalten – jeder hat den anderen beschuldigt, um das eigene Leben eventuell doch noch zu retten. Ohne Erfolg.

Düster-realistischer Nazi-Thriller

Ilan Ronen leitete bis vor kurzem das Habimah Theater, in Berlin ist er auch kein Unbekannter – zuletzt hat er am Theater am Kudamm inszeniert. Er bringt die Geschichte im Stil eines düsteren, realistischen Nazi-Thrillers auf die Bühne, wie man ihn womöglich auch im Kino erwarten würde. Shahar Pinkas' stark gekürzte Bühnenfassung kommt ganz ohne Erzähler aus – hier gibt es ausschließlich Dialoge.

Ronen möchte die Zuschauer ganz ins Geschehen ziehen. Das verstärkt auch die mal gefühlvolle, mal unheimliche Musik, die atmosphärisch unterlegt ist. Ab und zu werden dokumentarische Videos eingespielt: Junge Mädchen jubeln den Soldaten zu, während "Schwarzbraun ist die Haselnuss" läuft. Requisiten gibt es kaum, auf der leeren Bühne können sich lediglich Wände verschieben und daraus kleine und größere Räume formen – von der düsteren Gefängniszelle bis zum hellen, riesigen Gerichtssaal. Die 16 Schauspieler stehen hier in historischen Kostümen, die Nazis tragen Uniform und Hakenkreuzbinde und machen den Hitlergruß.

Mit Sogwirkung

Auch dieser Abend zeigt, dass Fallada eine bühnenreife Erzählung geschrieben hat. Die Geschichte berührt, weil sie nicht die großen Helden des Widerstands ins Zentrum stellt, sondern zeigt, was normale Menschen in dieser Zeit gewagt haben. Sie haben die Welt nicht gerettet, aber sie sind für etwas eingestanden. Die Mittel, mit denen Ronen das erzählt, wirken auf deutsche Zuschauer womöglich etwas altbacken, konventionell, betulich: Hier wird mit großen Gesten gespielt, mit Heulen, Bibbern und Geschrei. Alle Nazis sind sadistische Klischee-Figuren, die Frauen fallen in Ohnmacht – ästhetisch nicht gerade experimentierfreudig.

Trotzdem entwickelt der Abend, wenn man sich auf die Geschichte einlässt, vor allem im zweiten Teil einen Sog – das Publikum saß zweieinhalb Stunden lang sehr gespannt auf seinen Plätzen. Sich von jüdischen Schauspielern, umgeben von jüdischen Zuschauern auf Hebräisch (mit deutschen und englischen Übertiteln) vom NS-Regime erzählen zu lassen – das kann einem schon nah gehen.

Barbara Behrendt, kulturradio

Weitere Rezensionen

Staatstheater Cottbus: Das brennende Aquarium
Staatstheater Cottbus, © Marlies Kross

Bühne - Staatstheater Cottbus: "Das brennende Aquarium"

Bisher stand das Staatstheater Cottbus für solides Bühnenhandwerk. Ausgefallene Experimente Inszenierungen waren dort eher nicht zu erwarten. Mit der Verpflichtung des zwischen Tanz, Theater und Musik irrlichternden Jo Fabian als Schauspieldirektor scheint sich das jetzt zu ändern.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Deutsches Theater: Versetzung
Deutsches Theater; © Arno Declair

Uraufführung - Deutsches Theater: "Versetzung"

Der Autor Thomas Melle ist manisch-depressiv. Jetzt hat Melle für das Deutsche Theater auch ein Stück zu diesem Thema geschrieben: Im Mittelpunkt von "Versetzung" steht ein Lehrer, der vor Jahren als "bipolar" diagnostiziert worden ist und den jetzt seine Vergangenheit einholt.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
Deutsches Theater: Vater © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater - "Vater"

Nach seinen filmischen Arbeiten, die mit schonungslosem Blick deutsche Zustände beschreiben und mit zahlreichen Preisen prämiert wurden, arbeitet Dietrich Brüggemann mit "Vater" das erste Mal für das Theater.

Bewertung: