Bangarra Dance Theatre: OUR land people stories
Haus der Berliner Festspiele; © Vishal Pandey aka wanderlust73
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Europapremiere im Haus der Berliner Festspiele - Bangarra Dance Theater, Sydney: OUR land people stories

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Traditionell orientierter zeitgenössischer Tanz aus Australien. Das Bangarra Dance Theatre, die australische Tanzcompagnie, ist seit gestern Abend zu Gast in Berlin. Als Europapremiere hat die Compagnie im Haus der Berliner Festspiele ihr aktuelles Stück "Our Land People Stories" gezeigt, eine Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart der Ureinwohner Australiens.

Bangarra Dance Theatre – indigene Tanzcompagnie

Das Bangarra Dance Theatre ist eine indigene Tanzcompagnie, alle Tänzer und Choreographen haben Herkunfts-Wurzeln in den Stämmen und Clans der Aborigines oder der Torres-Strait-Inselbewohner. Und die Verwurzelung in der Geschichte der Ureinwohner ist nach diesem Stück zu urteilen, sehr stark, wie auch ein gesellschaftspolitisch verstandener Auftrag zur Aufklärung über die Verbrechen der Kolonialgeschichte und deren Nachwirkungen bis heute.
Die Compagnie wurde 1989 in Sydney gegründet, gilt als eine der besten Australiens, ist regelmäßig weltweit auf Tournee und nun im Rahmen von "Australia Now Germany 2017" in Deutschland, dem Kulturprogramm der australischen Regierung, seit Februar 11 Monate bundesweit – weswegen gestern unter erhöhten Sicherheitsbedingungen die australische Botschafterin Lynette Margaret Wood und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Haus der Berliner Festspiele zu Gast waren. Eine Europapremiere zwar ohne roten Teppich, aber mit enormer kulturpolitischer Bedeutung.

Bangarra Dance Theatre: OUR land people stories
OUR land people stories; © Vishal Pandey aka wanderlust73 | Bild: Haus der Berliner Festspiele; © Vishal Pandey aka wanderlust73
Bangarra Dance Theatre: OUR land people stories
OUR land people stories; © Edward Mulvihill

Eine Totenklage - Erinnerung an Massaker 1816 in Appin

Tradition in modernem Gewand - die Verwurzelung in der Geschichte der Ureinwohner Australiens zeigt sich in Tanz, Musik, Kostümen und Handlung der drei Choreographien dieses Abends. Etwa in der Erinnerung an ein Massaker an Aborigines im Jahr 1816 und an den damaligen britischen Gouverneur Lachlan Macquarie, an den der Titel dieses Stückes erinnert. Dies ist eine Totenklage, eindringlich und mit direkt gemeinter emotionaler Wucht mit den Mitteln des Tanztheaters dargestellt. Frauen beklagen auf dem Boden kauernd oder sich in Jammer dahin schleppend, die Körper im Schmerz gewunden jene Männer, die wie leblos auf der Bühne liegen oder feierlich von anderen getragen werden.
Ein erzählender Tanz, überdeutlich in den darstellerischen Mitteln, bei dem die Gouverneurs-Figur im Zweikampf mit einer Ureinwohner-Figur als getriebene und gebrochene Gestalt erscheint. Macquarie gilt als eine Art Begründer Australiens, scheint heute als zwiespältiger Mann der Zeitgeschichte wahrgenommen zu werden – hier tritt er als herrschsüchtiger britischer Offizier aus den Anfangsjahren der britischen Kolonie auf, der unter dem Leid, das er zu verantworten hat, zusammenzubrechen scheint.
Der historische Bezug, der verständliche Wunsch an das Leid der Ureinwohner zu erinnern, führen zu einer Überdeutlichkeit, Dramatik und Drastik der Darstellung, die die Kunstfertigkeit des schauspielenden Tanzes überlagert, sogar zweitrangig werden lässt – dies ist das schwächste Stück des Abends.

Anknüpfen an traditionelle Formen und Überführen in zeitgenössischen Tanz

Als ausdrücklich zeitgenössische Compagnie zeigt sich das Bangarra Dance Theatre in den anderen Choreographien, in der Feier einer Gemeinschaftlichkeit, die über Generationen und Zeiten hinausreicht und in der traumhaft-magischen Auseinandersetzung mit den Bildwelten der indigenen Malerin Nyapanyapa Yunupingu.
Hier zeigen sich die Stärken der Compagnie im Anknüpfen an Tradition, Kultur und Mythologie der Ureinwohner und in der stilistisch stimmigen Übertragung in zeitgenössische Tanzformen, v.a. in Modern Dance und Urban Dance.
Die Bewegungssprache wurzelt im Boden - aus gespreizten, leicht in der Hocke stehenden Positionen oder aus Bodenlage entstehen fließend dynamische Kreis- und Spiralformen, ein Wirbeln der Körper, pulsierend am Rhythmus der Musik orientiert. Einer Musik, die eine Mischung aus traditionellem Gesang, traditioneller Musik und Elektronik ist, eine sehr spezifische Art von Ethno-Weltmusik, mit TripHop-, House- und dunklen Bass-Rhythmen, sakralem Chorgesang und sinfonischen Streicherflächen, melodiös, manchmal etwas beliebig, aber sehr süffig und eingängig wie der strudelnde Tanz, der sich aus Ritualtanzformen speist und daraus hinauswächst.

Anverwandlung der Mythologie in Gegenwarts-Bezügen

Wirklich faszinierend ist jedoch, wie die Mythologie der Aborigines hier in Bezügen zur Gegenwart anverwandelt wird. Etwa in den traumwandlerischen Szenen, in denen Totemzeichen von der Bühne herabragen, große Flügel aus Emu-Federn, die sich auch in den Kostümen wiederfinden – moderne Schnitte mit traditionellen Mustern. Die Totemzeichen verbinden die Ahnen mit den Lebenden, Vergangenheit und Gegenwart – da scheinen etliche Generationen eines Stammes, einer Familie in tiefer spiritueller Verbundenheit gemeinsam miteinander zu tanzen. Oder in den Traumwelten nach Bildern der australischen Malerin Yunupingu, in den magischen, wundersamen Szenen voller Fabelwesen, ritualhaft und zeremoniell und in ihrer Zeichenhaftigkeit und Bedeutung nicht immer zu verstehen – aber sehr faszinierend, wie ein Reigen gegenwärtig gewordener Schöpfungsmythen der sogenannten Traumzeit-Mythologie der Aborigines.
Hier erfüllt sich der ausdrücklich formulierte Anspruch der Compagnie und des künstlerischen Leiters Stephen Page, die alten Traditionen der Aborigines zu wahren und in die Gegenwart zu überführen und damit die gegenwärtige Gesellschaft zu verändern. Und das ohne vordergründig auf den Reiz des Fremden und Exotischen zu setzen und ohne, wie man das bei ähnlich arbeitenden Compagnien aus Asien, Afrika oder Neuseeland kennt, auf international kompatibles Show-Format zu setzen – am Ende berechtige Standing Ovations.

Frank Schmid, kulturradio

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