Sebastian Krämer © David Olivieira
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Heimathafen Neukölln - "Im Glanz der Vergeblichkeit – Vergnügte Elegien"

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Sebastian Krämer, wie man ihn kennt und liebt: hintergründig, schwarzhumorig, anspielungsreich. Diesmal mit Stummfilmorchester. Letzteres wäre nicht nötig gewesen. Dafür gibt es ein gutes Dutzend wunderbare neue Lieder.

Die Welt des Musikkabaretts ist wieder einmal reicher um einige neue Kunstwerke – dank Sebastian Krämer, der es sich auch diesmal nicht nehmen lässt, das alles in seiner typischen Manier vorzutragen: in einer Mischung aus Muttis Liebling und Oberlehrer, gebrochen durch Selbstironie und Zynismus. So liebt man ihn halt.

Zu seiner eigenen Klavierbegleitung hat sich diesmal das Metropolis Orchester Berlin unter der Leitung von Burkhard Götze, der auch die Arrangements erstellt hat, gesellt. Gegründet erst im vergangenen Jahr für – daher der Name – eine Aufführung des Stummfilmklassikers "Metropolis". Eine Kammerorchesterbesetzung im Stil eines Kinoorchesters der 20er-Jahre.

Lachen und Weinen

Was soll nun der Titel des Programms? Es ist der Versuch, dem, was Sebastian Krämer schon immer gemacht hat, eine neue Überschrift zu geben. Bei seinen Liedern kann man sich phasenweise totlachen; sie sind aber gleichzeitig abgründig und voller Melancholie. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Am Beginn erklärt er es so: Mozarts "Kleine Nachtmusik" ist vergnüglich, aber seine große g-Moll-Sinfonie so melancholisch und dadurch doch noch viel schöner. Stimmt übrigens.

Krämers Bilder, Geschichten und Vergleiche bewegen sich wie gewohnt zwischen originell und absurd – mit traurigem Hintergrund. Wenn etwa eine mit ihren beiden Kindern überforderte Mutter diesen ein durchgeknalltes Märchen von einer Hexe im Darknet (oder so ähnlich) erzählt, lautet der bittere Refrain: "Früher wolltest du alles – heute ist dir alles zu viel."

Barlach, Kafka und das Honigkuchenpferd

Thematisch ist das ein bunter Abend, der aber dadurch zusammengehalten wird, dass fast jedes Thema irgendwie mit Bildung und Hochkultur zu tun hat, vor allem aber aus allem ein sprachlich-dichterisches Kunstwerk wird. Da gibt es die Skulptur "Der Buchleser" von Ernst Barlach. Sebastian Krämer bittet jemanden aus dem Publikum, das auf der Bühne nachzustellen. Und er findet die herrliche dichterische Umsetzung: "Ob Perry Rhodan, Bibel, Effi Briest / Er sitzt einfach da und liest."

Es gibt eine Parodie auf die Struktur von Wikipedia-Artikeln, die Lesung aus einer alten Deutsch-Klausur, in der er vom Nachlass Franz Kafkas auf die Reize seiner Pultnachbarin überleitet, dann aber doch immerhin die These aufstellt: "Kafkas Nachlass hätte zerstört werden müssen, um ihn vor dem Deutschunterricht zu retten." Es geht auch schön absurd, wenn es in einer Stimmungslied-Parodie heißt: "Da fehlt noch Salz am Honigkuchenpferd." Das ist sprachlich so grandios, dass man es auch ohne Musik als Gedichtband auf höchstem Niveau herausgeben könnte. Man muss sich die Texte auf der Zunge zergehen lassen.

Modulationen und Router-Kanon

Musikalisch bedient sich Sebastian Krämer irgendwie überall. Am Beginn meint man, den swingenden Götz Alsmann zu hören. Fortgesetzt wird es mit einem Song im Stil der 20er-Jahre à la Kurt Weill. Daneben Popschnulzen, Easy Listening, gehobener Schlager der 60er-Jahre bis hin zu Couplet-Modellen im Stil von Otto Reutter, Friedrich Hollaender oder Georg Kreisler. Aber alles in die neuere Liedermacherszene hinübergerettet.

Man spürt bei allem aber dann doch die klassische Ausbildung. Krämer moduliert gekonnt und sauber durch die absurdesten Tonartenkombinationen und singt mit dem Publikum einen Kanon auf den schönen Text "Ach, Liebling, machst du bitte mal den Router aus und dann gleich wieder an?!" Ein musikalischer Alleskönner und ein stilistisches Chamäleon. Sebastian Krämer ist gegenwärtig zusammen mit Rainald Grebe und Bodo Wartke der derzeit beste Musikkabarettist dieser Generation.

Besser ohne Orchester

Das Metropolis Orchester Berlin setzt hier und da eigene Akzente, wenn etwas das Minnelied mit Cello und Barockharfe begleitet wird oder sich eine Geigerin solistisch präsentieren kann. Dennoch wirken die Arrangements doch eher gefällig und weichgespült, schlimmer: Sie nehmen den bösen Liedern ihre Bissigkeit. Wollte man das noch recht junge Orchester an der Seite eines bekannten Liedermachers mit etwas mehr Aufmerksamkeit versorgen?

Auf jeden Fall würde es sich lohnen, Sebastian Krämers neues Programm ohne Orchester noch einmal zu hören. So würde man sicherlich stärker in den Sog seiner Lieder gezogen. Besonders in Erinnerung bleiben die Momente, in denen er sich selbst allein am Klavier begleitet hat. Und dass das Publikum nach zweien seiner Klassiker als Zugabe – "Immer noch da aber unsichtbar" und "Mein Bruder" – auch nach fast drei Stunden aus dem Häuschen war, kann man verstehen…

Andreas Göbel, kulturradio

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