Blutsbrüder: ; © Anna Agliardi
Anna Agliardi
Bild: Anna Agliardi Download (mp3, 5 MB)

Sophiensaele - "Blutsbrüder"

Bewertung:

Choreograf Jochen Roller erzählt in seiner neuen Inszenierung "Blutsbrüder" die Geschichte von Winnetou und Old Shatterhand

Winnetou und Old Shatterhand, Blutsbrüder und Freunde über den Tod hinaus. Mehr als 200 Millionen mal haben sich die Bücher von Karl May weltweit verkauft, Millionen haben die Winnetou-Filme gesehen, fast zwölf Millionen Zuschauer waren bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Generationen sind vom Indianer-Bild, das Karl May im sächsischen Radebeul erfunden hat, beeinflusst worden. Nun hat der Berliner Choreograf Jochen Roller in seiner neuen Inszenierung "Blutsbrüder" die Geschichte von Winnetou und Old Shatterhand mit vier Performerinnen nacherzählt.

Aufklärungsimpuls aus heutiger Perspektive

Jochen Roller folgt dabei einem Aufklärungsimpuls, lässt seine vier Darstellerinnen in roten Kleidern, die an Cabaret-Szenen der 1920er Jahre erinnern und mit Federschmuck im Haar den ersten Band der Winnetou-Geschichte aus heutiger Perspektive buchstäblich lesen, aus weiblicher, feministischer und queerer Perspektive. Und fragt damit nach Klischee-Vorstellungen und stereotypen Bildern in Bezug auf die indigenen Völker, nach geschlechtsspezifischen Rollenmustern, nach der Faszination am Fremden und Exotischen, nach Kolonialismus und Rassismus.

Allesamt richtige Fragen, die allerdings lange schon diskutiert und beantwortet sind. Der Kernfrage, worin die Faszination an Karl Mays Romanen gerade in Deutschland besteht, warum Millionen Menschen zu den Karl-May-Festspielen gehen, Tausende sich als Hobby-"Indianer" verstehen, geht Roller nur kurz nach und findet keine Antwort.

Videodokumentation und Hobby-"Indianer"

Zu Beginn zeigt er eine Videodokumentation, Bilder und Interviews aufgenommen auf einem sogenannten "Indianer"-Festival und –Markt, mit Schminkkursen für Kinder und Goldwäscherkursen für Erwachsene, mit Schmuck- und Traumfänger-Verkauf. Tragikomische Bilder, denn diese Hobby-"Indianer" sitzen dem fatalen Irrtum auf, mit ihren an Karl May geschulten Klischee-Vorstellungen zur Bewahrung einer indigenen Kultur beizutragen.

Jochen Roller verpasst jedoch den Moment, genau nachzufragen, welche Sehnsüchte, Ängste, Weltfluchten sich hier ausdrücken, warum dieser Kult um den "edlen Wilden" und den "guten Weißen" solche Blüten treibt, dass einige der Interviewten davon sprechen, sie seien zwar nicht dem Blute nach, aber im Herzen "Indianer".

Immerhin eröffnet dieser dokumentarische Auftakt einen Reflexionshorizont, der jedoch im weiteren Verlauf nicht einmal ansatzweise ausgeleuchtet wird – stattdessen geht es in einen Wigwam zu einem Lese-Seminar.

Lesekreis im Wigwam

Auf der Bühne des Festsaals der Sophiensaele ist ein Zelt aufgebaut, die Zuschauer nehmen im Kreis um ein großes, rotes, rundes Sofa als Lagerfeuer Platz und werden Zeugen eines Interpretationsseminars. Die vier Darstellerinnen lesen in deutscher und englischer Sprache aus dem ersten Winnetou-Band, erörtern, interpretieren und diskutieren den Text wie in einem Lesekreis.

Dabei wird aus Eisenbahnbau und Pferdehandel Kapitalismus-Kritik, aus dem Romandetail, dass Old Shatterhand bei der Befreiung Winnetous diesem Haare abschneidet, um sich später als Retter identifizieren zu können, wird ein Akt des Übergriffs, der Gewalt und des Fetisch-Gewinns. Aus Landraub, Vertreibung und Vernichtung wird ein Kurzschluss zur Flüchtlingsthematik unserer Zeit. Aus der Romanfrage, wo denn beim sogenannten weißen Mann die Liebe der christlichen Botschaft bleibe, wird Religionskritik und Kolonialismus-Diskurs. Und der Liebestod von Winnetous Schwester Ntscho-tschi wird zum Klischeebild der sich opfernden Frau, die stellvertretend sterben muss – um bei Karl May Chauvinismus und Rassismus zu finden, muss man nicht lange suchen, Jochen Roller hat es in aller Ausführlichkeit getan.

Das alles wird von den vier Darstellerinnen halb ernst, halb kichernd vorgetragen, während sie auf dem Sofa liegen, sitzen und aus dem Popcorn-Eimer knabbern und hin und wieder in uninspirierte Hüpf-Tänze ausbrechen – eine gut abgehangene, abgegriffene, uninspirierte kritische Karl-May-Lektüre.

Blutsbrüder: ; © Anna Agliardi
© Anna Agliardi

Langweilendes Aufklärungs-Seminar mit Psycho-Workshop

Nur wenige Szenen sind gelungen, etwa der Nachweis, dass man nicht lange nach Textstellen suchen muss, um aus Winnetou und Old Shatterhand ein schwules Liebespaar zu machen – den homoerotischen Komponenten in Karl Mays Leben und Werk sind nun allerdings schon ganze Generationen von Forschern und Biografen nachgegangen.

Es fehlt hier nicht nur jede neue, noch nicht ausdiskutierte Kritik. Es fehlt auch an Analyse-Schärfe und an Mitteln, diese in tragfähige Performance- oder Tanzszenen zu übertragen. Und es fehlt den vier Darstellerinnen an Ausdrucksmitteln, um über Ironie-, Comedy- und Kabarett-Elemente hinaus in die Tiefe einer kritischen Reflexion vorzudringen. So bleibt es beim Benennen und Auflisten und führt am Ende gar zu einer pädagogisch-didaktischen Ansprache in Art eines Psychotherapie-Workshops.

Jochen Roller hat zum Abschluss seiner bislang überzeugenden Deutschland-Trilogie – die ersten beiden Teile waren trotz kleiner Schwächen insgesamt gelungen - nun ein enttäuschendes, langweilendes Aufklärungsseminar abgeliefert, mit dem er deutlich unter dem Niveau bleibt, das man sonst von ihm gewohnt ist und erwarten darf.

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen

Eingangstor zu den Uferstudios in Berlin Wedding
rbb online/Doris Hellpoldt

Uferstudios - Eröffnung Open Spaces

Das Tanzduo kann man getrost als eine Königsdisziplin der Tanzkunst bezeichnen. Ob im Klassischen Ballett oder im Zeitgenössischen Tanz - das Spiel im Duo mit Nähe und Distanz gehört zum reizvollsten und schwierigsten.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Satyagraha; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin - Philip Glass: "Satyagraha"

Das hohe Maß an Verehrung, dass Cherkaoui andernorts genießt, kann diese Arbeit nicht deutlich machen. Und der achtbare, auch genießbare Abend ist gewiss kein musikalisch großer. Trotzem eine richtige Repertoire-Entscheidung – und ein Publikumserfolg auch.

Bewertung: