Pelléas et Mélisande, © Monika Rittershaus
Komische Oper Berlin
Bild: Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin - "Pelléas et Mélisande"

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Um das Positive vorwegzuschicken: Barrie Kosky hat sein Haus lässig genug im Griff, um ein recht langes, nein: ein recht sehr langes Stücke in einen anscheinenden Premieren-Erfolg zu verwandeln.

Er hat auch ein Ensemble, das so gut ist wie schon lange nicht mehr, auf dass er fast alle Rollen bemerkenswert gut daraus besetzen kann. Ob sich dieser "Pelléas" in der Gesellschaft großer Konkurrenzaufführungen in Berlin (darunter von Ruth Berghaus) wird behaupten können, wage ich indes zu bezweifeln. Für mich der erste, elegante Reinfall Koskys seit langem.

Erzählerische Einfalt

Wir betrachten: Vier immer kleiner werdende Portale, welche die Szene – im kleinsten Bühnenausschnitt – auf die Größe eines Puppentheaters reduzieren. Im engsten Ausguck dieser Prospektflucht dreht sich eine Art Wäschetrommel, durch die Figuren, auch mal in gegenläufiger Richtung, in die Bühne ‚hineingedreht’ werden – als sei’s ein Wetterhäuschen. So weit, so mechanisch. Auf dieser Mini-Bühne, fast: ein Schaufenster, ereignet sich nun viel (prä-)freudianisches Fummeln, Grabschen und psychologisches Piesacken. Ausdrücken möchte Kosky mit alldem, dass wir es schließlich mit einer schlichten Liebes- und Eifersuchts-Kammerspiel zu tun haben, die nicht zufällig an der eher kleinen Pariser Opéra-comique uraufgeführt wurde. Das Problem: Damit habe ich fast alles gesagt. Kosky hat dem erzählerisch kaum etwas hinzuzufügen. Das ist zu wenig.

Pelléas et Mélisande, © Monika Rittershaus
Pelléas et Mélisande © Monika Ritterhaus

'Chapeau' für das Orchester

Die Verkleinerung hat immerhin auch einen musikalischen Sinn – und entsprechende Konsequenzen. Jordan de Souza, neuer Kapellmeister des Hauses und hier erstmals im Einsatz, dirigiert transparenter, leichter, süffiger als man das sonst von dem Stück kennt. Die Gefahr bei "Pelléas" besteht ja darin, dass alles sämig, fett und zu tranig klingt. Das wird konsequent vermieden. 'Chapeau' für das Orchester! Von ihm geht der Mehrwert und einzige Erkenntnisgrund der Aufführung aus.

Insgesamt sehr gute Noten in der B-Wertung

Immerhin gut besetzt! Der Beste hier, Günter Papendell als viriler, von Don Giovanni-Erfahrungen profitierender Golaud, verfügt über erstaunliche Kernigkeit und viel Brio. Dominik Köninger als (am Schluss erschlagener) Pelléas klingt mir am Anfang zu nasal knubbelig, steigert sich aber ähnlich wie Nadja Mchantaf als Mélisande (die ich zu Beginn zu dramatisch aufgerieben fand). Superb Gregor-Michael Hoffmann als Knabensopran Yniold. Insgesamt sehr gute Noten in der B-Wertung. Was freilich die drei, gefühlt: vier Stunden nicht wesentlich kürzer macht.

Pelléas et Mélisande, © Monika Rittershaus
Pelléas et Mélisande, © Monika Rittershaus | Bild: Komische Oper Berlin

Nicht schlecht, aber doch eher unerheblich

In summa: Kosky mag hier durchaus einen richtigen Ansatz haben. Nur verstehe ich nicht, weshalb er, wenn er sich hier schon auf den Uraufführungsort zurückbezieht, die Fassung letzter Hand wählt (von Debussy für größere Häuser angefertigt). Kosky, so mein Eindruck, möchte einfach das große, berühmte Stück endlich machen, das einen Gründungsakt der Opern-Moderne darstellt (und den Versuch, Wagner gleichsam vom 19. Jahrhundert zu befreien). Damit ist die Aufführung Zeichen eines rasch, vielleicht zu rasch gewachsenen Selbstbewusstseins. Kollegen, die aus München angereist waren – wo die Aussichten, dass Kosky Intendant der Bayerischen Staatsoper werden könnte, offenbar nicht vom Tisch sind – sei zugerufen: Diese Kosky-Arbeit ist nicht schlecht, aber doch eher unerheblich und unter Normalmaß. Beruhigend, dass auch dieser Mann nur mit Wasser kocht.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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