Satyagraha; © Monika Rittershaus
Bild: Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin - Philip Glass: "Satyagraha"

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Das hohe Maß an Verehrung, dass Cherkaoui andernorts genießt, kann diese Arbeit nicht deutlich machen. Und der achtbare, auch genießbare Abend ist gewiss kein musikalisch großer. Trotzem eine richtige Repertoire-Entscheidung – und ein Publikumserfolg auch.

"Satyagraha" (wörtlich: die Kraft der Wahrheit) meint bei Mahatma Gandhi die konfliktlösende Haltung von Gewaltlosigkeit und Duldung, welche Feinde in Freunde verwandeln soll. Das gleichnamige Werk war 1980 der erste Erfolg von Philip Glass nach "Einstein on the Beach" – und kann bis heute als echter Höhepunkt im Schaffen des damals noch unkorrumpierten Komponisten gelten.

Die Inszenierung von Sidi Larbi Cherkaoui kam im April zunächst in Basel heraus. Bei uns ist sie die erste Aufführung einer Glass-Oper an einem Berliner Opernhaus (bisher gab es nur Off-Produktionen und Gastspiele). Der Mann hat mittlerweile 25 Opern geschrieben!

Tanztheater mit abstrahierenden Handlungssequenzen

Wie es einem Choreografen ansteht, macht Cherkaoui Tanztheater daraus – mit abstrahierenden Handlungssequenzen. Das reicht auch. Das Positive: Cherkaoui folgt der winkelgeraden Rhythmik von Glass gerade nicht. Sondern verschmiert, verzögert und dynamisiert dessen Miminalismen. Diese erscheinen in den besten Momenten eher wie Workout-Musik zur Cherkaoui-Eurythmie.

Weniger gut: Die Bewegungsabläufe, die Cherkaoui erfindet, laufen zumeist auf dieselben Spiralbewegungen, Pirouettensprünge und Drehwürmer hinaus – bei erschwerter Armarbeit. Es ist dieselbe Bewegungskonfektion, die man seit 30 Jahren vom Tanztheater kennt. Hier nur ein bisschen multikulturell nachkoloriert kraft Brahma, Vishnu und Krishna. Das hohe Maß an Verehrung, dass Cherkaoui andernorts genießt, kann die Arbeit nicht deutlich machen.

Satyagraha; © Monika Rittershaus
"Satyagraha"; © Monika Ritterhaus

Musikalisch kann es besser werden

Für ein Haus wie die Komische Oper stellt das Werk eine enorme Herausforderung dar. Die Sänger machen ihre Sache gut; allen voran Stefan Cifolelli, obwohl sein Gandhi – mit Glatze und in weißen Gewändern – keineswegs so aussieht wie zu seiner Zeit in Südafrika (wo er noch Haare hatte). Schon der Chor hat seine liebe Müh', um die Glass'schen Hackrouladen nicht zu umschlottern, als sei's ein zu großes Kleid. Beim Orchester meint man die Wut auf die Zählorgie mitzuhören, zu der die Musiker verdammt sind. Das hebt nicht recht ab. Und bleibt einiges an Narkotischem und Suggestivem schuldig. Kann noch besser werden.

Kontrastreichtum und hymnischer Sog

Trotzem eine richtige Repertoire-Entscheidung – und ein Publikumserfolg auch, selbst wenn wir den Tanztheater-Verbrüderungsjubel nicht zu hoch hängen sollten. Das Werk besitzt genau jenen Kontrastreichtum und hymnischen Sog, den sich Glass später (nach seinen Filmmusik-Erfolgen) abkaufen und sich verläppern ließ. Inhaltlich lebt das Ganze von einem eher plakativen Friede-Freude-Eiapopeia. Sehr "Eighties"; sehr retro. Und wohl deshalb ein nostalgisches Vergnügen. Der achtbare, auch genießbare Abend ist gewiss kein musikalisch großer. Er füllt eine Berliner Bildungslücke gut genug.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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