"Luther - dancing with the gods"; © Lovis Dengler Ostenrik
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Pierre Boulez Saal - "Luther - dancing with the gods"

Bewertung:

Verspieltheit erwartet man auf der Bühne vergeblich, stattdessen erlebt man eine bis ins kleinste Detail kontrollierte Konzertperformance. In vollendeter Perfektion wird dabei sehr viel für das Auge geboten, vor allem aber ist überirdisch schöner Chorgesang zu hören.

In schwarzen Kostümen, mit weiß-geschminkten Gesichtern stehen die Sängerinnen und Sänger des Rundfunkchores hinter den Zuhörern am oberen Rand des Saales. Nach einem gesprochenen griechischen Prolog, der in Luthers Übersetzung mit "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" beginnt, stimmt der Chor "Immortal Bach" von Knut Nystedt an.

Modern

Der Text "Komm, süßer Tod", den Bach ursprünglich für eine einzelne Solostimme vertont hat, ist bei Nystedt auf sechs chorische Stimmen verteilt. Diese Stimmen singen in unterschiedlichen Tempi, deshalb erlebt das Publikum gleich zu Beginn des Abends ein erstes, modernes Wunder der Mehrstimmigkeit.

Sinnlich

Der Klangeindruck wird dabei nicht nur mit den Ohren, sondern mit allen Sinnen erfahren. Denn zum Gesang kommen in Robert Wilsons szenischem Konzert die Bilder hinzu, Bilder, die aus Licht  entstehen und aus Bewegungen auf geometrischen Bahnen: Immer wieder wechselt der Chor die Stellung, singt zu Beginn im Kreis, begibt sich dann auf die Treppen, die den oberen Saal mit der unten gelegenen Bühne verbinden, singt schließlich in unterschiedlichen Anordnungen auch zentral auf der Bühne, strahlt den Klang in alle Richtungen ab. Die vier Motetten von Johann Sebastian Bach erleben durch Wilsons Bühnen-Bildsprache eine vielfach verstärkte Wirkung.

Kneeplays

Zwischen die Musik hat Wilson seine "Kneeplays" gesetzt,  kurze Theaterszenen, in denen aber keine Geschichten erzählt werden, sondern zeitgenössische Gemälde von Breughel, Cranach oder Hieronymus Bosch aufwändig in Szene gesetzt sind. Besonders beeindruckend: "Luthers Tod", bei dem sich der Schauspieler Jürgen Holtz  mit langsamsten Bewegungen, in maximaler Zeitlupe auf sein Totenbett begibt.

Clapping Music

Dank des klugen Einfalls, die "Clapping Music" von Steve Reich mit in das musikalische Programm aufzunehmen, kommt nach gut einer Stunde Spielzeit eine gewisse Wärme in die insgesamt eher kühle Konzertperformance. Chorleiter Gijs Leenaars, der den musikalisch äußerst anspruchsvollen Abend souverän leitet, betritt hier zum ersten und einzigen Mal die Mitte der Bühne, ist dort dann umgeben von seinen rund 60 Choristen, und dirigiert das äußerst vertrackte polyrhythmische Klatschen mit sichtbarer Freude. Diese gelungene "Klatscheinlage" führt beim Publikum folgerichtig zu spontanem Szenenapplaus.

Kinder

Luthers Ansicht, dass es die Kinder sind, die den "göttlichen Funken" in sich tragen, dieses schöne und wichtige Motiv taucht im Stück immer wieder auf. Verspieltheit erwartet man auf der Bühne aber vergeblich, stattdessen erlebt man eine bis ins kleinste Detail kontrollierte Konzertperformance. In vollendeter Perfektion wird dabei sehr viel für das Auge geboten, vor allem aber ist überirdisch schöner Chorgesang zu hören. Bachs Motetten, darunter "Jesu meine Freude", sind Wunderwerke der Mehrstimmigkeit, die mit Wilsons Licht und im Raum choreografiert, allergrößte Wirkung entfalten.

Hans Ackermann, kulturradio

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