Prinz Friedrich von Homburg; © HL Böhme
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Hans Otto Theater Potsdam - Heinrich von Kleist: "Prinz Friedrich von Homburg"

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Das Regie-Konzept vom freudianischen Traum macht das Stück und seine Figuren eindimensional. Zwei Stunden lang allein auf die Traum-Weltsicht eines gefühlvollen, aber völlig egozentrischen Somnambulen zu schauen, wird nicht nur Kleist nicht gerecht, sondern für den Zuschauer auf Dauer uninteressant.

Prinz Friedrich von Homburg ist anders: Er schlafwandelt, während andere Kriegsstrategien planen. Er fantasiert von Liebe und Ruhm und widersetzt sich mit gutem Gewissen und großer Naivität den Anweisungen des Fürsten. Er stellt seine eigenen Gefühle über die Regeln der Gemeinschaft – und droht, darüber sein Leben zu verlieren. Am Hans Otto Theater in Potsdam hat der junge österreichische Regisseur und Nestroy-Preisträger Alexander Charim mit Kleists Prinzen nun seinen Einstand gegeben. Der 36-jährige Regisseur könnte mit dem Stoff vieles über gestern und heute erzählen, denn Heinrich von Kleists Stück aus den Zeiten Preußischer Kriegswirren ist komplex, kompliziert – und übrigens alles andere als leicht zu inszenieren.

Schuld & Unschuld

Der junge, verträumte Homburg führt seine Reiter in der Schlacht in einen Angriff, obwohl er ausdrücklich den gegenteiligen Befehl erhalten hat. Die Anweisung hat er überhört, da er von seiner geliebten Natalie träumte. Der Kurfürst verurteilt Homburg zum Tode, weil er sich dem Kriegsrecht widersetzt hat, weil er seine individuelle Überzeugung über die Regeln des Staates gestellt hat.

Homburg bettelt um sein Leben, wird letztlich auch begnadigt – unter der Bedingung, dass er tatsächlich von seiner Unschuld überzeugt ist. Nun erst fängt der bisher nur auf sich konzentrierte Prinz an, sein Verhalten zu analysieren und kommt zum Schluss, dass nicht der Kurfürst einen Fehler begangen hat, sondern er selbst – und er somit den Tod verdient hat.

Regeln & Gewissen

Kleist stellt viele heute immer noch virulente Fragen: Wie lernt ein Mensch, für sich und sein Handeln einzustehen? Wann sind die Regeln der Gesellschaft wichtiger als das individuelle Empfinden des Einzelnen? Wann gilt es dagegen, das eigene Gewissen, die eigenen Träume, Fantasien, Sehnsüchte den staatlichen Gesetzen voranzustellen?

Traum & Unterbewusstes

Alexander Charim setzt jedoch auf eine ganz andere Lesart, die durchaus legitim und nicht unbedingt neu ist: Er inszeniert das Stück ausschließlich als Traum des Prinzen. Auch bei Kleist heißt es schließlich zuletzt: "Ist es ein Traum?" – "Ein Traum, was sonst."

Charim möchte den Stoff aus der Klassik in die Moderne holen, indem er ihn als freudianischen Traum inszeniert und Homburg sozusagen auf die Couch legt. Das Unterbewusste steht im Zentrum, die sexuellen Triebe, die Vater-Sohn-Beziehung.

Am auffälligsten wird das in den Körpern: Jeder fällt über jeden her – Homburg küsst seine Mutter, der Kurfürst begrapscht Natalie, Homburg umarmt Natalie, Natalie reißt Homburg die Knöpfe vom Hemd. Und auch in den Kostümen von Amit Epstein spiegeln sich diese Sex-Fantasien: Natalie trägt zunächst ein weißes Tüllkleid, unter dem deutlich ihre nackten Brüste zu sehen sind. Und der Graf Hohenzollern trägt kein Hemd unter seinem knallroten Jackett, sondern einen schwarzen Lederriemen auf der bloßen Haut – das wirkt beinahe pornografisch.

Prinz Friedrich von Homburg; © HL Böhme
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Bühne & Musik

Am deutlichsten schlägt sich die Traumvorstellung in der artifiziellen Bühne nieder. Vier kahle Bäume stehen in einem Salon, der in höfischem Ornament-Muster tapeziert ist. Davor ein identisch gemustertes Sofa, das sich leicht zum Sarg mit schwarzer Erde verwandeln lässt. In die hintere Wand des Salons sind viele schmale Türen eingelassen, mit denen eine labyrinthische Verwirrung erzeugt werden kann. Die Szenerie wird mal in tiefblau, mal in blutrot getaucht.

Michael Rauter und Andi Thoma haben eine Mischung aus elektronischen und klassischen Klängen für den Abend komponiert, die unter fast jeder Szene liegen: poetische Spieluhrmusik, aber auch abstrakte, verstörende Töne. Die Bilder, die mit Licht, Kostümen, Bühne erzeugt werden, die Traum-Atmosphären, die sich über die Musik einstellen, sind das Überzeugendste an der Inszenierung – doch sie bleibt im Ganzen zu harmlos. In der Beschäftigung mit dem Unterbewussten hätte es groteskere, schrägere, unheimlichere Sequenzen gebraucht, statt etwa den Figuren schlicht alberne Plüschtier-Masken aufzusetzen.

Eindimensional

Es kann durchaus reizvoll sein, wenn ein Regisseur seine zugespitzte Interpretation auf der Bühne umsetzt – im besten Fall kann sich ein Stück auf diese Weise einer anderen Zeit öffnen. Hier macht das Regie-Konzept vom freudianischen Traum das Stück und seine Figuren jedoch bloß eindimensional. Alles unterliegt der innerpsychischen Sicht des träumenden Prinzen.

Der Kurfürst, eigentlich eine vielschichtige, intellektuelle Respektsperson, ist nur grausamer Übervater, der Homburg am Ende abknallt. Natalie dagegen lediglich sexuelle Projektionsfläche. Und der Prinz selbst, gespielt vom jungen Moritz von Treuenfels, bleibt ein narzisstisches Kind, dessen Wandlung hin zur Verantwortung nicht nachvollziehbar wird.

Eine Diagnose unserer Zeit? Zwei Stunden lang allein auf die Traum-Weltsicht eines gefühlvollen, aber völlig egozentrischen Somnambulen zu schauen, wird nicht nur Kleist nicht gerecht, sondern für den Zuschauer auf Dauer uninteressant.

Barbara Behrendt, kulturradio

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