Schaubude Berlin © imago/Joachim Schulz
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Schaubude Berlin - Theater der Dinge: "Kasper unser"

Bewertung:

Gestern startete das "Theater der Dinge" in der Schaubude Berlin. Das Internationale Festival Rebell Boy des zeitgenössischen Figuren- und Objekttheaters.

Die Schaubude im Berliner Prenzlauer Berg ist in diesem Jahr mit dem "Theaterpreis des Bundes" von Staatsministerin Monika Grütters ausgezeichnet worden – unter anderem für die vielfältigen Kooperationen und Festivals, die das Puppentheater zu einem der "kreativen Motoren Berlins" mache. Das "Theater der Dinge" ist das bekannteste internationale Festival des kleinen Hauses und bringt in diesem Jahr Puppentheater aus vielen Ländern unter dem Motto "Rebell Boy" in Berlin zusammen.

Das Motto spielt auf die politischen Umbrüche, die "Rebellion" in zahlreichen Ecken der Welt an. Im deutschen Theater konzentriert man sich derzeit ohnehin stark auf politische Themen. Das hat (nicht nur aber auch) den Grund, dass die Schauspielhäuser auf diese Weise ihrem Bedeutungsverlust in der Gesellschaft entgegenwirken möchten. Deutsche Theater stehen aufgrund der staatlichen Subventionen unter Legitimationsdruck. Tim Sandweg, dem Leiter der Schaubude, fiel auf, dass sich auch Puppentheater, und zwar an vielen Orten, mit politischen Inhalten auseinandersetzen – oft mit anderer Dringlichkeit als im sicheren Deutschland. Zwölf dieser Produktionen aus Ländern wie Jordanien, Israel, Afghanistan, Russland und der Ukraine hat er nach Berlin eingeladen. Zum Ende des Festivals spielt etwa die "Arab Puppet Theatre Foundation" aus dem Libanon – ihr Stück handelt von Fluchtbewegungen beim gleichzeitigen Bedürfnis nach Zerstreuung im Krisengebiet.

Die erste Eigenprouktion seit 2007

Die eingeladenen Produktionen dürfen deshalb so explizit "komplexe" Themen verhandeln, da sie an der Schaubude alle im Abendspielplan für Erwachsene gezeigt werden. So ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist die Konzentration aufs Politische im Puppentheater übrigens nicht: Auch das deutsche Kaspertheater ist in den Ursprüngen ein nicht nur lustiges, sondern auch satirisches Volkstheater. Die Figur des Kaspers hat sich mittlerweile zwar zum braven Pädagogen entwickelt ­– eigentlich wurzelt sie jedoch in einer derben, aggressiven Außenseiter-Persönlichkeit. Ein Grund dafür, den Kasper diese Rebellionsausgabe eröffnen zu lassen.

"Kasper unser" in der Regie von Astrid Griesbach ist die erste Eigenproduktion der Schaubude seit 2007 – das kleine Theater ist schlicht zu unzureichend finanziert, als dass es sich mehr hauseigene Arbeiten leisten könnte. Der hier gezeigte "Kasper unser" ist alles andere als politisch. Er sitzt als schrecklich fett und alt gewordene Jammergestalt in den Kulissen und heult in den Vorhang, weil seine Gretel gestorben ist und er nun keinen Sinn mehr im Leben und Auftreten sieht.

Im Lauf der Inszenierung wird jedoch deutlich, dass er Deutschland und die Deutschen klischeehaft symbolisiert: Er ist depressiv, mit nichts zufrieden und spürt das ganze Elend der Welt auf seinen Schultern lasten. In den Briefen, die er sich endlich entschließen kann zu öffnen, wird er nicht nur ermahnt, eine um 32 Prozent höhere Miete zu zahlen (Gentrifizierung!), sondern auch 600 Milliarden fürs Atommüllager locker zu machen und noch mehr Milliarden Reparationszahlungen an Polen zu überweisen.

Einfach, stark

Er muss also wieder auftreten, um den Schuldenberg zu tilgen – und ein schwuler Seppel und ein lispelndes Migranten-Krokodil aus Ägypten helfen ihm, ein neues Programm zu entwickeln. Und was macht man, wenn man derzeit im deutschen Theater die Kasse klingeln lassen will? Man entwirft ein Stück über Flüchtlinge. Dabei muss Kasper erst einmal vom beflissenen Seppel lernen, dass man nicht mehr "Flüchtlinge" sagt, sondern "Geflüchtete". Und wie, verflucht, lautet da nun die genderkorrekte weibliche Form? Eine ziemlich böse aber auch treffende Theater- und Gesellschaftskritik, die sich die Regisseurin zusammen mit den Puppenspielern Anna und Hans-Jochen Menzel und Tim Sandweg in der Dramaturgie ausgedacht hat.

Allerdings bleibt der Abend nicht so scharf wie in seiner ersten Hälfte. Handwerklich und ästhetisch ist er jedoch so einfach wie stark. Die abgehalfterten, hässlich, alt und grau gewordenen Kaspertheater-Figuren von Magdalena Roth und Christian Werdin stecken voller Persönlichkeit. Auf der Bühne steht eine drehbare und sich nach mehreren Seiten aufklappende Kasperbude, hinter der sich die Menzels gut verstecken können. Hans-Jochen Menzel ist Professor für Puppenspiel an der Berliner Ernst-Busch-Schule und beiden Spielern merkt man ihre Erfahrung und ihren Spaß an der Sache deutlich an.

Hochkomisch/ermüdend

Doch statt bei der Satire vom Flüchtlingstheater zu bleiben, wirft einem die Produktion alle paar Minuten eine neue Idee vor die Füße. Weil Kasper zu rassistisch für die Geflüchteten ist, macht er mit Seniorentheater weiter – doch auch die alten Leute beleidigt er nur, unabsichtlich. Schließlich schnappt er sich einen Strick und erhängt sich. So muss Seppel das Ruder übernehmen, setzt sich mit seinem fanatischen Ordnungssinn durch – sodass am Ende Krokodil und Kasper mit Miniaturpuppen ein Puppenspiel im Puppenspiel geben und Kinder für die regelkonforme Straßenverkehrsordnung fitmachen. Von hinten durch die Brust ins Auge.

Der Abend zerfasert nicht nur zunehmend in seinen zahlreichen Slapstick-Nummern, er bedient manchmal auch lediglich Theater-Insider: Neben dem noch gesellschaftskritisch zu verstehenden Flüchtlingstheater-Bashing wird das Dogma der Authentizität auf der Bühne karikiert, zusätzlich fließen Gags übers Puppentheater-Handwerk ein. Für die vielen Studenten im Publikum, die hier ihrem Puppenspiel-Prof zusehen, ist das natürlich hochkomisch – für Laien eher etwas ermüdend. Und am Ende weniger sozial- als theaterkritisch.

Barbara Behrendt, kulturradio

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