"Lenin", © Thomas Aurin
Schaubühne am Lehiner Platz, © Thomas Aurin
Bild: Schaubühne am Lehiner Platz, © Thomas Aurin

Schaubühne am Lehniner Platz - "Lenin"

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Gründer der Sowjetunion: Wladimir Iljitsch Lenin war es, der die Theorien von Marx und Engels auf die damaligen Verhältnisse in Russland übertrug. An der Schaubühne widmet der Regisseur Milo Rau ihm nun ein Stück.

Milo Rau erzählt aber nicht von der Oktoberrevolution, sondern von ihrem Scheitern. Die Handlung spielt nicht im Jahr 1917, sondern 1923, kurz vor Lenins Tod. Russland versinkt in Hunger und Krieg, die Weltrevolution ist ausgeblieben. Es ist bereits absehbar, dass Stalin die Macht übernehmen wird, ein Bürokrat, der nicht besonders intellektuell, aber dafür umso brutaler ist.

Das Scheitern der Revolution

Es liegt eine Revolutionswehmut in der Luft, das Gefühl, eine Chance verpasst zu haben. Und das ist es wohl, was Milo Rau an diesem Zeitpunkt interessiert; wo er Anknüpfungspunkte zur Gegenwart sieht. In Interviews beklagt er die Apathie unserer Zeit und plädiert für mehr gedankliche Radikalität im Sinne Lenins, allerdings ohne dessen Totalitarismus.

Öllampen und Samowar

Auf der Bühne von Anton Lukas und Silvie Naunheim ist Lenins Datscha zu sehen, die sich unentwegt auf der Drehbühne dreht. Sie ist mit irrem Detailreichtum historisch korrekt eingerichtet: Es gibt Öllampen und einen Samowar, schwere Standuhren und sogar eine historische Zeitung, "Prawda".  Daneben, an der Seite, steht ein Schminktisch. Dort verwandeln sich die Schauspieler im Laufe des Abends in ihre Rollen.

Das Ganze wird gefilmt; auf einer großen Leinwand sieht man Gesichter im Close-Up. Zu sehen ist also einerseits filmischer Hyperrealismus – und andererseits, wie dieser Hyperrealismus hergestellt wird. Es ist ein Verfahren, das man von der britischen Regisseurin Katie Mitchell kennt.

Der Realismus geht hier so weit, dass im Programmheft Fußnoten eines Historikers aufgelistet sind; da steht dann, welche Äußerungen und Begegnungen sich so zugetragen haben und was vom Ensemble erfunden wurde.

"Lenin", © Thomas Aurin
"Lenin", © Thomas Aurin | Bild: Schaubühne am Lehiner Platz, © Thomas Aurin

Diktator und Patient

Lenin wird von einer Schauspielerin verkörpert, von Ursina Lardi.
Gezeigt wird kranke, schwache, politisch isolierte Lenin. Offenbar, so steht's im Programmbuch, soll seine Passivität durch Weiblichkeit verdeutlicht werden. Die bessere Erklärung für die Besetzung ist, dass Ursina Lardi eine tolle, feinnervige Schauspielerin ist. Sie verwandelt sich von einer blonden Frau in den Mann mit Halbglatze und Spitzbart, den man von unzähligen Bildern kennt. Sie oszilliert zwischen herrischen Diktator und hilflosem Patienten, zwischen Lenins Vergangenheit und seiner Gegenwart.

Sie verklärt ihn nicht, sondern zeigt ihn als den widersprüchlichen Charakter, der er wohl war. Gleich am Anfang zeigt sie seine Brutalität, wenn er aus heiterem Himmel einem kleinen Jungen erzählt, wie er ihn umbringen würde. Aber auch sein Idealismus scheint durch: Er beklagt, dass sie von feinem Geschirr essen, während Andere hungern.

Röcheln, zittern, sabbern, spucken

Aber Ursina Lardi muss ganz schön viel Siechtum spielen. Sie röchelt, zittert, sabbert, spuckt Blut. Das hat manchmal was von einem Krankheitsporno. Der körperliche Verfall Lenins wird hier ausgestellt. Er soll wohl für den Verfall seiner Ideen stehen. Aber es ist ein Dilemma dieses Abends, dass er sich mehr für biografische Details interessiert als für die großen politischen Fragen.

Das ganze Stück spielt – bis auf eine Rückblende – an einem einzigen Spätsommertag 1923. Lenin wird vom Arzt untersucht, gebadet, er isst zusammen mit seiner Entourage. Und er bekommt Besuch: Von seinem Weggefährten Trotzki – Felix Römer spielt ihn mit Wiener Zungenschlag und lüsternen Anwandlungen. Vom Kulturpolitiker Lunatscharski, den Ulrich Hoppe als Vertreter jener Intelligenzija zeigt, die man in diesen Kreisen eigentlich hasst. Und von seinem Rivalen Stalin, den Damir Avdic als einfachen, grobschlächtigen Tölpel spielt.

"Lenin", © Thomas Aurin
"Lenin", © Thomas Aurin | Bild: Schaubühne am Lehiner Platz © Thomas Aurin

Szenischer Flickenteppich

Eigentlich ist es eine gute Besetzung. Und doch bleiben die meisten Figuren im Klischee stecken. Das liegt daran, dass sie mit salbungsvollem Ton in Microports sprechen, während kitschige Streichermusik läuft. Und vor allem liegt es am Text: Es ist ein loser Flickenteppich an Szenen, der sich nie verdichtet. Bonmots reihen sich aneinander. Mal geht es ums Erschießen von Zarenkindern, mal um den „Endsieg des arbeitenden Menschen“. Nach dem Motto: Alles zum Thema Revolution.

Milo Rau wurde im Sommer von der Zeitschrift "Theater heute" zum Regisseur des Jahres gewählt. In den letzten Jahren hat er großartige Arbeiten gemacht, zum Beispiel "The civil wars", "Five easy pieces" und – ebenfalls an der Schaubühne und mit Ursina Lardi – "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs". Dieser Abend aber gehört nicht zu seinen besten.

Milo Rau kombiniert in "Lenin" Re-Enactment, das Nachstellen historischer Ereignisse, mit einem naturalistischen Kammerspiel. Heraus kommt leider kein spannendes Theater. Sondern das Making Of eines etwas betulichen Historienfilms.

Mounia Meiborg  kulturradio

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