Staatsoper - "Zum Augenblicke sagen: Verweile doch" mit Elsa Dreisig (Gretchen), Sven-Eric Bechtolf (Mephistopheles) und René Pape (Mephistopheles); © Hermann und Clärchen Baus
Hermann und Clärchen Baus
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Staatsoper Berlin - "Szenen aus Goethes Faust"

Bewertung:

Abgesehen von Toiletten und Garderoben macht das, was man zu sehen bekommt von der wiedereröffneten Staatsoper, einen erstaunlichen fertigen Eindruck.

Jemand, der das schwarze Loch gesehen hat, in welches der Zuschauerraum zwischenzeitlich verwandelt war, reibt sich ungläubig die Augen und sucht mühevoll nach Unterschieden. "Aus alt mach alt" war die erklärte Devise dieser 400 Millionen schweren Sanierung. Das Foyer ist noch immer wenig repräsentabel. Die Beinfreiheit im 2. und 3. Rang verursacht mir Knieschmerzen. Das Holz in der Konditorei im Untergeschoss ist etwas dunkler lackiert.

Den einzig futuristischen Bruch, als Narbe der Deckenerhöhung im Saal, bildet die opartige Gitternetzwabe ganz oben. Sie schreit geradezu nach einer Licht-Orgel. Und prompt wird’s während der Vorstellung bunt beleuchtet, als handele es sich um das Dach des Sony-Centers am Potsdamer Platz. Verdächtig viele Leute suchten während der Pause das Weite. Darunter auch der wohl bedeutendste Künstler im Saal, der Sänger Peter Schreier, sich mit orthopädischen Gründen entschuldigte.

Alle Topfigkeit verfliegt

Erstmals scheint die Akustik des Hauses direkt, natürlich und hat Luft zum Atmen. Fast ist es, als sei ein Schleier vor der Berliner Staatskapelle weggezogen. Und alle Topfigkeit verfliegt. Das ist der wichtigste, erfreulichste Aspekt des Abends: Für die Staatskapelle bedeutet das sanierte Haus einen echten, klanglichen Neuanfang. Es wäre gar nicht nötig, dass Daniel Barenboim leicht staatstragend, sogar pomphaft dirigiert. Was zu Robert Schumann doch gar nicht passt.

Es wird nicht nur gesungen und gespielt, sondern auch gesprochen. Für die Schauspieler, die hier deklamieren, forcieren und chargieren, sind die 1,6 Sekunden Nachhall offenbar gar nicht gut. Die Kubatur der Staatsoper dürfte eigentlich kaum größer sein als diejenige des Burgtheaters in Wien. Für Sprechszenen kaum geeignet.

Jürgen Flimm hat die "Faust-Szenen" durch weitere Goethe-Stellen aufgeplustert. Szenen, von denen man sich fragen kann, ob Schumann sie vielleicht mit Absicht nicht vertonte. Das zerstört den rhapsodischen, fragmenthaften Charakter des Werkes. Wo immer es mythologisch wird, schweben bei Flimm Figuren mit Libellenflügeln in den Raum.

André Jung als Faust sieht aus wie ein Lehrer aus der "Feuerzangenbowle". Sein singender Widerpart Roman Trekel wie ein Spitzweg-Biedermeier. Dies höhere Kasperle-Theater – nichts gegen Kasperle-Theater, aber bitte kein höheres! – verheißt: Willkommen in der Gestrigkeit. Die klobigen Voodoo-Köppe von Markus Lüpertz, es tut mir Leid, sehen scheußlich aus.

Staatsoper: Szenen aus Faust; © kulturradio
Vorhang auf! für die sanierte Staatsoper; © kulturradio | Bild: kulturradio

Künstlerischer Renovierungsbedarf

Eine schöne Geste, das Werk ausschließlich mit Haus-Sängern zu besetzen. Vielleicht mochte man Star-Gästen die Baustelle nur nicht zumuten. Das Haus ist immer noch "vorne hui, hinten pfui". René Papes sublime Sardonik ergibt einen großartigen Mephistopheles. Elsa Dreisig ist als Gretchen fast schon "drüber". Die "Zueignung" wird, mit schöner Symbolkraft, von Alt-Star Anna Tomowa-Sintow gesprochen. Mit leicht bulgarischem Akzent. Und mit "grrossse Herz".

Einerseits: Hängen wir eine solche Trockenwohn-Premiere nicht allzu hoch. Andererseits: Wenn ich zum Augenblicke sage: Verweile doch, du bist zu lang ..., dann ist offenbar nicht alles ganz optimal gelaufen. Das schöne Haus ist wieder da. Und schon merken wir, welch innerer, künstlerischer Renovierungsbedarf herrscht.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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