Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin © Holger Kettner
Bild: Holger Kettner

Staatsoper Unter den Linden Berlin - Sinfoniekonzert der Staatskapelle mit Daniel Barenboim und Maurizio Pollini

Bewertung:

Erster Härtetest in der neu sanierten Staatsoper mit dem Orchester auf der Bühne. Die Akustik erweist sich als hörbar überarbeitet, allerdings nicht ganz einfach. Höhepunkt ist ein Debussy der glänzend aufgelegten Staatskapelle.

Die spannende Frage: Wie klingt der neue alte Saal in einem Sinfoniekonzert? Antwort: hängt vom Stück ab. Alle drei Werke des Abends haben sich akustisch sehr unterschiedlich vermittelt. Insgesamt sorgt die erhöhte Nachhallzeit für ein angenehmeres Volumen. Es wirkt nicht mehr ganz so topfig, hat eine gefühlte Dichte und klingt sehr nach am Hörer.

Trotzdem ist eine gewisse Trockenheit geblieben. Dort, wo im sonst so farbenreich präsentierten Debussy die hohen Streicher glitzern und zaubern müssten, wirkt es etwas matt, dafür immerhin gut durchhörbar. Das heißt aber auch: Jede Kleinigkeit, die passiert, bekommt man sofort mit.

Hüftschwung und fliegender Stab

Höhepunkt des Abends waren die Images für Orchester von Claude Debussy. Einfach weil sie hervorragend einstudiert waren. Die schillernde Raffinesse dieser Stücke hat sich sofort übertragen. Das hatte etwas trocken Humorvolles: die Anklänge an spanische Folklore, die Gitarrenimitationen, aber auch das Durcheinander, das nur dann funktioniert, wenn es genau abgezirkelt ist. Das war hier der Fall.

Generalmusikdirektor hatte erkennbar seinen Spaß an der Musik. Bei den rhythmisch prägnanten Stellen stellte sich bei ihm sogar der Ansatz eines Hüftschwungs ein, und insgesamt dirigierte er so voller Elan, so energetisch, dass ihm sogar einmal sein Dirigentenstab aus der Hand flog. Aber diese Energie hat der Musik gut getan – auch aus akustischen Gründen. Denn das ist kein Saal für Klangzauberei und Eleganz – dafür aber für Wärme und Intensität, und das kann die Staatskapelle.

Skurrile Spielerei

Wenn es nach der Aufführung von Jörg Widmanns Zweitem Labyrinth sogar vereinzelte Buhrufe im Publikum gab, lag das wohl daran, dass ein Teil vor allem wegen des Saals gekommen war oder auch einfach nicht Neue Musik-affin war. Dabei ist Widmanns Stück mit seinen fünf Orchestergruppen durchaus verspielt, voller Klangeruptionen und absolut unterhaltsam.

Dabei kommen die Effekte des Werkes, bedingt durch die Akustik, sehr unterschiedlich zur Geltung. Sehr gut funktionieren die trockenen Klänge mit Streicherpizzicati, Hackbrett, Harfen oder Gitarre. Das bekommt etwas herrlich Skurriles. Dagegen sind die acht Hörner zunächst einmal eine Macht – aber auch schnell mal vom Saal verschluckt. Für die Neue Musik scheint der Saal keine Ideallösung zu sein.

Maurizio Pollini, Pianist; Foto: © Cosimo Filippini / DG
Maurizio Pollini; © Cosimo Filippini / DG

Zwischen Hoffen und Bangen

Maurizio Pollini, Solist im Klavierkonzert von Robert Schumann, hat in seinen guten Augenblicken bis heute viel am Klavier zu erzählen. Man wähnt sich dicht am Geschehen und wird auf eine melancholische Reise mitgenommen. Diese ist – typisch Pollini – nie weichlich oder verkitscht.

Es gibt berührende Stellen, aber es bleibt bei Stellen. Pollinis Problem, das sich bereits seit Jahren bei ihm zeigt: Seine vormals so unbestechliche Technik scheint er nicht mehr richtig im Griff zu haben: Zu viel rutscht weg, ist undeutlich, geht daneben. Nahezu das gesamte Finale musste man mitzittern, dass ihm möglichst wenig entgleiten möge. Eine solche Aufführung zwischen Hoffen und Bangen tut einem bei so einem zu Recht bewunderten Pianisten, der in seiner glänzenden Karriere Maßstäbe gesetzt hat, unendlich leid.

Beglückendes Oboensolo

Das konnte man natürlich nur so gut begleiten, wie es eben ging. Solist und Orchester waren phasenweise ziemlich auseinander. Aber Daniel Barenboim hat in seiner Staatskapelle auch hervorragende Solisten, die einiges wettmachen. Das Oboensolo am Beginn des Konzerts etwa war einfach nur beglückend.

Diese romantische Musik mit ihrem tiefen Fundament liegt Daniel Barenboim sehr, und in Dichte und Intensität gab es auch hier schon gute Ansätze, um sich den Saal der Staatsoper akustisch zu erobern. Nach ist man hörbar etwas am Suchen und Ausprobieren – wie sollte es nach der kurzen Eingewöhnungs- und Probenzeit auch anders sein! So sollte man überlegen, ob die Pauken direkt an der Rückwand gut aufgehoben sind – das klang extrem dumpf. Aber das wird mit der Zeit …

Andreas Göbel, kulturradio

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