Szenenfoto: Sunset Boulevard - Staatstheater Cottbus
Bild: Marlies Kross

Musical nach dem Film von Billy Wilder - Staatstheater Cottbus: "Sunset Boulevard"

Bewertung:

Das Staatstheater Cottbus hat sich in den letzten Jahren eine
Musicaltradition aufgebaut. Die Spielzeit wurde mit  "Sugar" ("Manche
mögen's heiß") eröffnet, jetzt wird nachgelegt. Martin Seiffert, der
auch schon bei "Sugar" Regie führte, hat Andrew Lloyd Webbers "Sunset
Boulevard" inszeniert. Und wieder gab es stehende Ovationen…

Opulenz, Tempo, neue Bilder – so könnte man Martin Seifferts
Erfolgsrezept zusammenfassen. Bei "Sugar“, war seine Hauptdarstellerin
nicht blond, wie Marilyn Monroe in der Filmvorlage, und sie durfte auch
eine eigene Figur entwickeln. Bei "Sunset Boulevard" fehlt das
verschwenderische Bühnenbild. Das Stück spielt ja in der Villa der
alternden Stummfilmdiva Norma Desmond, die am Sunset Boulevard in Los
Angeles wohnt und auf ihr Comeback hofft. Dabei ist durch den Tonfilm
längst eine neue Zeit angebrochen. Um klarzumachen, dass sie in der
Vergangenheit lebt, wird ihr Haus meist mit Nippes vollgestellt. In
Cottbus sieht es aus wie das Foyer eines modernen Kinos – kahl und kühl.
An den Wänden hängen große schwarz-weiße Filmfotos, es gibt ein
Plüschsofa und eine geschwungene Metalltreppe, die Norma effektvoll
herabschreiten kann. Raum für theatrale Gesten wird ihr zur Genüge
eingeräumt, aber durch ihre Emotionalität und Erfolgsorientiertheit hat
die Figur auch etwas Heutiges. Das Stück hat einen kleinen Kick
bekommen, der es wieder spannend macht.

Opernsängerinnen und -sänger, die Musical können

Opulent sind die Kostüme. Das Stück spielt ja nicht nur in Normas Villa,
sondern auch in den Filmstudios von Hollywood. Dort wimmelt es vor
Komparsen, Tänzer werfen ihre Beine, es herrscht ein kreatives Chaos,
das sehr verlockend wirkt – der maximale Gegensatz zur Stille, die im
Haus von Norma Desmond herrscht. Der größte Trumpf der Produktion sind
die Darsteller, die mit Ausnahme von Isabel Dörfler, die die Norma
spielt, alle aus dem Cottbuser Opernensemble stammen. Opernsängern fehlt
ja oft die Lockerheit, die ein Musical braucht – doch nicht in diesem
Ensemble. Keiner macht den Fehler, aus den Songs Arien zu machen.
Künstlichkeit wird vermieden, die Gesangsnummern wirken nicht
aufgepfropft, sondern ergeben sich ganz natürlich aus der Situation.

Szenenfoto: Sunset Boulevard - Staatstheater Cottbus
Sunset Boulevard, © Marlies Kross | Bild: Marlies Kross

Großer Gesang zwischen Glamour und Angst

Hardy Brachmann zum Beispiel spielt Joe, einen mittellosen
Drehbuchautor, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern in Norma
Desmonds Garage landet. Er lässt sich von ihr engagieren, ein Drehbuch
zu redigieren, von dem sie sich ihr Comeback erhofft und schließlich
wird er auch ihr Liebhaber. Er hasst sich dafür und packt all seine Wut
und Verzweiflung in einen Song – großes Kino.

Hardy Brachmann zum Beispiel spielt Joe, einen mittellosen
Drehbuchautor, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern in Norma
Desmonds Garage landet. Er lässt sich von ihr engagieren, ein Drehbuch
zu redigieren, von dem sie sich ihr Comeback erhofft und schließlich
wird er auch ihr Liebhaber. Er hasst sich dafür und packt all seine Wut
und Verzweiflung in einen Song – großes Kino.

Und auch Isabel Dörfler als Norma überzeugt. Sie ist nicht mehr ganz
jung, aber sie hat eine große strahlende Stimme, genau passend für die
Rolle. Schon wie sie bei ihrem ersten Auftritt die Treppe hinunter
kommt, das sagt alles – jede Bewegung ist eine große Stummfilmgeste,
jeder Wimpernaufschlag ist kalkuliert - wirklich wunderbar. Erst später
wird klar, dass hinter dieser Fassade die nackte Angst steckt - die
Angst von den Studios und ihrem Publikum vergessen worden zu sein.

Klaus Seiffert macht in seiner Inszenierung diese Doppelbödigkeit klar.
Glamour und Angst sind bei ihm zwei Seiten einer Medaille. Die Handlung
drängt vorwärts, eine emotionale Achterbahnfahrt beginnt – garniert mit
mitreißenden, glänzend gesungenen Songs. Ein durch und durch
empfehlenswerter Musical-Abend in Cottbus.

Oliver Kranz, kulturradio

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