Volksbühne Berlin: Iphigenie mit Layla Shandi; © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
Bild: Gianmarco Bresadola Download (mp3, 5 MB)

Volksbühne - "Iphigenie"

Bewertung:

Mohammad al-Attar ist einer der bekanntesten syrischen Theaterautoren. Seine Stücke verdichten die Erfahrungen des Krieges und der Flucht. Jetzt kam seine Version der griechischen Tragödie "Iphigenie" zur Uraufführung.

Die Besetzung der Berliner Volksbühne ist beendet – nun steht das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz bis zur regulären Saisoneröffnung im November leer. Nur das neue Areal auf dem Tempelhofer Feld wird bespielt. Bisher waren dort Tanz-Performances zu sehen. Mit "Iphigenie" hatte nun die erste Schauspiel-Inszenierung Premiere: Die syrischen Künstler Mohammad Al Attar und Omar Abusaada haben mit neun syrischen Laien-Darstellerinnen einen Abend zu Euripides' antiker Tragödie entwickelt. Es ist der dritte Teil ihres Antikenprojekts, das sich geflüchteten und vertriebenen Frauen widmet. Nach den "Troerinnen" in Jordanien und "Antigone" im Libanon jetzt also "Iphigenie" im "Hangar 5" auf dem Tempelhofer Feld.

In der gigantischen Flughalle steht eine Amphitheater-Tribüne, auf der etwa 400 Zuschauer Platz haben. Diese Tribüne ist zwar weitläufig, aber in dem 4.000 Quadratmeter großen Areal geht sie immer noch ein wenig unter. Von diesem Amphitheater aus blickt man auf einen weißen Laufsteg. Die syrischen Frauen sitzen am hinteren Rand dieser Bühne. Wie in einer Casting-Show kommt eine nach der anderen nach vorn und stellt sich den Fragen einer Regieassistentin, die das Gespräch filmt und auf die große Leinwand über ihren Köpfen projiziert.

Sowohl die Leinwand als auch die Mikroports, die die Spielerinnen tragen, sind bitter nötig, weil man nicht nur weit weg vom Geschehen sitzt, sondern auch der hohe Raum einen extremen Hall erzeugt. Das Gegenteil einer intimen Atmosphäre. Gegen die Kälte in der Halle liegt zumindest auf jedem Platz eine Decke bereit.

Die neun syrischen Frauen, die alle in Deutschland leben, stellen sich im inszenierten Casting für das Iphigenie-Theaterprojekt vor und werden befragt, was sie dazu befähigt, ausgerechnet die Rolle der antiken Tragödin zu spielen. Und auch, warum sie überhaupt Theater spielen möchten. Bei jeder Frau wird ein ähnlicher Fragenkatalog abgehakt. Und weil nach drei Vorstellungsgesprächen klar ist, dass noch sechs Bewerberinnen auf genau dieselbe Weise auf diesem Stuhl sitzen und sprechen werden, ist die Ästhetik der Inszenierung schlicht und erwartbar. Nicht zuletzt, weil Proben- und Casting-Situationen dieser Art im Theater schon seit langem inflationär eingesetzt werden.

Volksbühne Berlin: Iphigenie mit Ensemble; © Gianmarco Bresadola
Ensemble; © Gianmarco Bresadola

Ein beliebiges Sammelsurium

Junge, schöne, smarte und selbstbewusste Frauen sind es, die sich vorstellen. Hier soll nicht das Klischee der armen syrischen Geflüchteten abgebildet werden. Die Fragen streifen kurz Herkunft, Biografie, das Leben in Deutschland. Ausführlicher geht es ums Theaterspielen und um Iphigenie. Euripides nach soll sie vom Vater geopfert werden, weil die Götter zürnen – doch Iphigenie geht letztlich freiwillig zum Wohle des Landes in den Tod.

Die Parallelen zu den Darstellerinnen bleiben vage. Werden sie als "Flüchtlinge" ebenso zum unfreiwilligen Opfer gemacht? Eine Spielerin meint, Iphigenie hätte Widerstand leisten müssen. Eine andere stilisiert sie zur Märtyrerin. Manche finden sich in der komplizierten Vater-Tochter-Beziehung wieder – ein arg beliebiges Sammelsurium.

Der Text, den Mohammad Al Attar gemeinsam mit den Frauen entwickelt hat, bleibt seltsam oberflächlich. Immer dann, wenn er in die Tiefe gehen, man den Frauen näher kommen könnte, wechselt er das Thema. Immer dann, wenn er übers Privatistische hinausgehen könnte, bricht er ab. Der Regisseur Omar Abusaada lässt mit der Kamera im Detail auf die hübschen Gesichter der Frauen halten, zeigt jedes Blinzeln, jede Träne im Augenwinkel – wirklich anrühren können die angerissenen Geschichtensplitter der Frauen trotzdem nur selten.

Blass und unbefriedigend

In einer kleinen Szene rezitiert die junge Bayan aus Tschechows "Möwe", statt wie die anderen Frauen einen Iphigenie-Monolog vorzutragen. Warum die "Möwe"? Die Antwort lautet schlicht: Den Text hat sie einmal für eine Schauspielprüfung vorbereitet, er spricht ihr aus dem Herzen. Keine Nachfrage, keine Erklärung, keine Verbindung zum Rest des Abends.

Bei aller Sympathie für die Darstellerinnen, bei aller angeblichen Brisanz, die im Programmheft behauptet wird: Dieser Schauspiel-Auftakt unter Chris Dercon wirkt ästhetisch blass und inhaltlich unbefriedigend.

Barbara Behrendt, kulturradio

Weitere Rezensionen

Staatstheater Cottbus: Das brennende Aquarium
Staatstheater Cottbus, © Marlies Kross

Bühne - Staatstheater Cottbus: "Das brennende Aquarium"

Bisher stand das Staatstheater Cottbus für solides Bühnenhandwerk. Ausgefallene Experimente Inszenierungen waren dort eher nicht zu erwarten. Mit der Verpflichtung des zwischen Tanz, Theater und Musik irrlichternden Jo Fabian als Schauspieldirektor scheint sich das jetzt zu ändern.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Deutsches Theater: Versetzung
Deutsches Theater; © Arno Declair

Uraufführung - Deutsches Theater: "Versetzung"

Der Autor Thomas Melle ist manisch-depressiv. Jetzt hat Melle für das Deutsche Theater auch ein Stück zu diesem Thema geschrieben: Im Mittelpunkt von "Versetzung" steht ein Lehrer, der vor Jahren als "bipolar" diagnostiziert worden ist und den jetzt seine Vergangenheit einholt.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
Deutsches Theater: Vater © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater - "Vater"

Nach seinen filmischen Arbeiten, die mit schonungslosem Blick deutsche Zustände beschreiben und mit zahlreichen Preisen prämiert wurden, arbeitet Dietrich Brüggemann mit "Vater" das erste Mal für das Theater.

Bewertung: