Berliner Philharmoniker; © Bph/Stefan Höderath
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Bühne - Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle

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Im November gehen die Berliner Philharmoniker unter ihrem Noch-Chefdirigenten Simon Rattle auf große Asien-Tournee. Die Programme testen sie vorab in Berlin. Eine entspannte Sache.

Da kann eigentlich nichts schiefgehen. Im ersten der beiden Programme für die anstehende Tournee hat Simon Rattle Werke ausgewählt, die dem Orchester wie seinem Chefdirigenten liegen. Strawinskys Ballett "Petruschka“ ist ein hochvirtuoses Paradestück, in dem besonders die herausragenden Solisten des Orchesters brillieren können. Die dritte Sinfonie von Rachmaninow ist ein schwelgerisch-spätromantisches Stück zum Genießen, ohne dass es zu kitschig wird.

Als Gastgeschenk nimmt das Orchester auch ein neues Stück der Komponistin Unsuk Chin mit. Sie lebt seit fast drei Jahrzehnten in Berlin, wurde ab in Südkoreas Hauptstadt Seoul geboren, wohin auch die Reise u. a. gehen wird.

Generalprobe auf hohem Niveau

Die Berliner Philharmoniker zeigen sich in Igor Strawinskys "Petruschka“ gewohnt auf der Höhe ihrer Kunst. Solo-Flöte, Solo-Trompete, aber auch das ganze Orchester haben Spaß daran. Und Simon Rattle hat man so dermaßen entspannt selten erlebt. Er dirigiert auswendig, feuert hier ein bisschen an und setzt dort einen kleinen Akzent. Die Philharmoniker spielen das mit beeindruckender Sicherheit. Weltklasseniveau definiert sich hier als die Fähigkeit, dass Routine ausreicht, um keine Angst vor fiesen Stellen haben zu müssen.

Da können sich es alle leisten, auch den trockenen Humor dieser Musik herauszustellen. Und so reicht etwa ein undefinierbarer tiefer Ton im Kontrafagott, dass ein leises Schmunzeln durch den Saal geht. Fast hat das Orchester das Stück zu locker genommen; etwas mehr Trennschärfe wäre gut gewesen. Eher konnte man den Eindruck gewinnen, dass alle wissen, dass sie das in den nächsten Wochen ein paarmal spielen müssen, und sich Entwicklungsmöglichkeiten offen halten wollten. Das war gewissermaßen die Generalprobe für die Tournee, aber auf hohem Niveau.

Zwischen Romantik und Moderne

In der wenig gespielten dritten Sinfonie von Sergej Rachmaninow arbeitet der Komponist mit denkbar heterogenen Elementen: süffige spätromantische Stellen am Rande des Kitsches, martialische Momente und ein bisschen Impressionismus. Rachmaninow schien sich nicht recht entscheiden zu können: zurück zur Romantik oder nach vorne in die Moderne.

Simon Rattle hält das alles straff zusammen, und so ergeben sich die schönen Augenblicke von selbst: ein warmer Grundklang, ohne zu übertreiben – das kommt dieser Musik sehr nahe. Jede Stelle ist da gut geputzt, und man bleibt mit Interesse dran, auch wenn man sich hinterher nicht mehr an viel erinnern kann. Aber mehr kann man aus diesem Werk nicht machen.

Handgelenksübung

Für diese Saison haben die Berliner Philharmoniker kleine Auftragswerke für kurze Stücke vergeben, so genannte "Tapas"-Stücke. Mit über zehn Minuten Spieldauer ist das neue Werk von Unsuk Chin, das hier seine Uraufführung erlebte, fast schon eine doppelte Portion. Der Titel des Stückes "Chorós Chordón“ heißt so viel wie "Tanz der Saiten“, und tatsächlich haben die Streicher, Harfe und Klavier eine Art Grundgerüstfunktion. Zweimal wird ein Höhepunkt erreicht, bevor es wieder in sich zusammenfällt.

Unsuk Chin ist eine erfahrene Komponistin, die mit ihren Mitteln umgehen kann. Und auch das ist geschickt gemacht: ein ständiges Flimmern, ein bedrohliches Anschwellen, ständig ist etwas los. Am Ende reißt es ab, als ob es aus einem größeren Werk herausgeschnitten worden wäre. Es gibt darin faszinierende Einzelmomente, man spürt die handwerkliche Meisterschaft der Komponistin. Und doch wirkt es kaum mehr als eine Handgelenksübung, gemessen an dem, was Unsuk Chin bisher gezeigt hat. Viele andere ihrer Werke haben weit mehr berührt als diese Kleinigkeit.

Ausklingen ohne Ehrgeiz

Es ist die letzte Saison von Sir Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, und er scheint es zu genießen, kostet die schönen Momente aus, der Druck scheint von ihm abgefallen zu sein. Erklärtermaßen hat er für diese Saison noch einmal einige seiner Lieblingsstücke auf seine Programme gesetzt.

Dagegen ist wenig zu sagen, nur scheint auch der Ehrgeiz verschwunden zu sein, noch einmal wirklich große Dinge zu schaffen. Man kann alles, was er dirigiert, gut genießen, aber man hat auch das Gefühl, dass man von ihm sensationell Großes oder Maßstäbe setzende Interpretationen in Berlin nicht mehr erleben wird.

Andreas Göbel, kulturradio

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