Deutsches Theater: Vater © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater - "Vater"

Bewertung:

Nach seinen filmischen Arbeiten, die mit schonungslosem Blick deutsche Zustände beschreiben und mit zahlreichen Preisen prämiert wurden, arbeitet Dietrich Brüggemann mit "Vater" das erste Mal für das Theater.

Dietrich Brüggemann ist einer der umtriebigsten deutschen Autorenfilmer der jüngeren Generation. Im Jahr 2014 gewann er auf der Berlinale mit seinem Film "Kreuzweg" den Silbernen Bären. Im September war sein erster Tatort im Fernsehen zu sehen. Brüggemann macht aber auch Musik mit einer eigenen Band. Er fotografiert. Und er schreibt. Nun ist sein erstes Theaterstück "Vater"  in der Box des Deutschen Theaters uraufgeführt worden. Er selbst hat Regie geführt.

Monolog am Sterbebett

Erzählt wird eine oft sehr komische, anrührende Geschichte darüber, wie die Familie die Identität eines Menschen prägt. Der Abend ist ein Monolog. Ein Mann Mitte dreißig sitzt am Bett seines sterbenden Vaters. Er denkt über sein Leben nach, vor allem über seine Liebesbeziehungen, nicht so richtig glücken wollen. Vielleicht auch, weil er stets die Stimme seines Vaters im Kopf hat, die ihn ausbremst, kritisiert, kleinmacht.

Parallelen zum Leben des Vaters werden sichtbar: Der hat sich auch oft unglücklich in unerreichbare Frauen verliebt. Die Mutter seiner Kinder hat er eher aus Pragmatismus geheiratet und später verlassen. Es geht also um familiäres Erbe und eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Großer Dramenstoff also, wie man ihn seit der Antike kennt.

Deutsches Theater: Vater © Arno Declair
© Arno Declair

Großes Solo von Alexander Khuon

Auf der Bühne von Janja Valjarević ist ein Krankenbett zu sehen, in dem der Schauspieler Michael Gerber liegt. Er spielt den bewusstlosen Vater. Erst am Ende spricht er paar Sätze.

Der Abend ist sein Solo für Alexander Khuon. Er spielt den Sohn, einen intelligenten, nachdenklichen, sehr sympathischen Typen. Wie er das macht, und über 90 Minuten die Spannung hält, ist toll. Eine große Konzentrationsleistung, weil eigentlich gar nichts passiert.

Auf der Bühne sind schwarze, größere und kleinere Kästen verteilt. Sie werden nach und nach angeleuchtet und zeigen Röntgenbilder. Erst den Kopf des Vaters mit dem Hirntumor. Und dann die anderen Personen, von denen der Sohn erzählt: Seinen Kumpel Sven, der immer genau weiß, wie "die Männer" und "die Frauen" sind. Desiree, eine Schönheit mit langen Beinen, in die Michael lange unglücklich verliebt ist. Und Katja, mit der er eine komplizierte Beziehung führt, die irgendwann endet.

Morbide und menschlich

Die Röntgenbilder haben etwas Morbides und zugleich sehr Menschliches: Der Sohn kann noch so sehr von den individuellen Eigenschaften der Personen reden, die Schädel sehen alle gleich aus.

Alexander Khuon verwandelt sich mit einfachen Mitteln und kleinen Gesten in die Menschen, von denen er erzählt. Mit betulicher Stimme und Kaffeetasse markiert er die geschwätzige Tante oder breitbeinig und mit aufgestütztem Ellenbogen den kernigen Kumpel.

Sehr präzise macht Alexander Khuon das. Und mit feiner Ironie. Sein junger Mann hat eine Distanz zu den anderen Menschen, die er in ihren Macken durchschaut, aber auch zu sich selbst. Er ist sich bewusst, dass seine Probleme – mit welcher Frau soll er eine Familie gründen? – keinen Psychiater vom Hocker reißen würden. Diesen Zwiespalt spielt er immer mit. Das hat entwaffnenden Charme. Und bewirkt, dass man als Zuschauer dieser Geschichte sehr gern folgt.

Gedankenstrom zwischen Kindheit und Gegenwart

Eine stringente Handlung gibt es nicht. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Dazwischen ist es ein Gedankenstrom: Der Sohn springt hin und her zwischen Kindheitserinnerungen und Ereignissen, die in letzten Jahren erlebt.

Diese nicht-lineare Erzählweise, die nicht auf Handlung fixiert ist, ist typisch fürs Theater. Im Film würde das nicht so gut funktionieren. Dietrich Brüggemann beherrscht diese Erzählweise in seinem ersten Theaterstück überraschend gut.

Kleinigkeiten kann man an dem Text aussetzen: Stellenweise geht es sehr viel darum, wer wie gut aussieht und deshalb welchen Partner abbekommt. Der eigene erotische Marktwert scheint ein großes Thema zu sein. Und das Ende ist nicht ganz frei von Kitsch.

Aber insgesamt ist das Stück ein liebenswertes Zwiegespräch darüber, wie man zu dem Menschen wird, der man ist. Und es ist sehr direktes, unmittelbares Theater, von dem man gern mehr sehen würde.

Mounia Meiborg, kulturradio

Weitere Rezensionen

Staatstheater Cottbus: Das brennende Aquarium
Staatstheater Cottbus, © Marlies Kross

Bühne - Staatstheater Cottbus: "Das brennende Aquarium"

Bisher stand das Staatstheater Cottbus für solides Bühnenhandwerk. Ausgefallene Experimente Inszenierungen waren dort eher nicht zu erwarten. Mit der Verpflichtung des zwischen Tanz, Theater und Musik irrlichternden Jo Fabian als Schauspieldirektor scheint sich das jetzt zu ändern.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Deutsches Theater: Versetzung
Deutsches Theater; © Arno Declair

Uraufführung - Deutsches Theater: "Versetzung"

Der Autor Thomas Melle ist manisch-depressiv. Jetzt hat Melle für das Deutsche Theater auch ein Stück zu diesem Thema geschrieben: Im Mittelpunkt von "Versetzung" steht ein Lehrer, der vor Jahren als "bipolar" diagnostiziert worden ist und den jetzt seine Vergangenheit einholt.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: