Nils Mönkemeyer; © Irène Zandel
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Nils Mönkemeyer; © Irène Zandel | Bild: Sony Classical Download (mp3, 4 MB)

Pierre Boulez Saal - Nils Mönkemeyer & William Youn

Bewertung:

Der Bratscher Nils Mönkemeyer kann es sich leisten, von Klassik bis Neue Musik alles zu spielen – und alles an einem Abend. Selten hat man ein so klug zusammengestelltes Konzert gehört – und ein musikalisch so überzeugendes.

Nils Mönkemeyer ist derzeit einer der erfolgreichsten Bratscher, und nach dem aktuellen Abend kann man das auch bestätigen. Auf seinen CDs wirkt sein Spiel mitunter etwas brav – sicher durchdacht und gut geprobt, aber doch zu sehr in Richtung Musterschüler. Dass er auch anders kann, hat er jetzt in Berlin bewiesen.

Da stehen unter den vielen Werken auch ein paar Variationen von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Programm. Sicher nicht Mozarts inspiriertestes Werk, aber wie es Nils Mönkemeyer geschafft hat, eine Mischung aus Melancholie, Aufbegehren und einem leisen Lächeln unter Tränen hervorzuzaubert – fast mehr als bei Mozart angelegt, und das auf engstem Raum, das ist wirklich große Interpretationskunst.

Flirren, Rauschen, Quietschen

Zwei große Hauptwerke stehen im Zentrum dieses Konzerts: Schuberts Arpeggione-Sonate und Brahms' Klarinettensonate in Es-Dur. Jeweils davor aber findet sich eine Fülle kleinerer Stücke. Oft sehr kurz und sehr verschieden. Das hat das Publikum herausgefordert, genau hinzuhören, denn wer nicht ganz konzentriert war, hat unglaublich viel verpasst. Gerade die Wechselwirkungen zwischen den Stücken haben sich hervorragend erschlossen.

Da folgt etwa auf die Mozart-Variationen ein kurzes Notturno von Salvatore Sciarrino. Neue Musik trifft auf Klassik, aber hier finden sich die Emotionen bei Mozart auf eine ganz filigrane Weise widergespielt. Da erscheint wie aus weiter Ferne ein Echo, ein Flirren, Rauschen und Quietschen. Sicher, da gab es im Publikum auch hier und da Gekicher von denen, die nicht Neue Musik-affin sind. Aber wer sich darauf eingelassen hat, wurde mit ein paar bewegenden Minuten belohnt.

Bloß nicht langweilen

Die Arpeggione-Sonate von Franz Schubert hört man häufig; kaum ein Bratscher oder Cellist, der sie nicht spielt. Und man hört sie nicht nur häufig, sondern häufig auch extrem langweilig. Bei Nils Mönkemeyer langweilt man sich hingegen keine Sekunde. Er versteht es, die Zeit anzuhalten. Er verlangsamt und verdichtet, konzentriert sich auf einen Ton, und den, so hat man das Gefühl, kann man mit Händen greifen.

Bei Schubert gibt es zahllose Wiederholungen, bei Mönkemeyer wiederholt sich in der Aussage nichts. Alles, was er spielt, ist eine Weiterentwicklung dessen, was er zuvor gespielt hat. Auch der scheinbar so heitere Schluss-Satz wird hinterfragt, ein wenig skeptisch interpretiert. Das macht ihm derzeit wenigstens live keiner nach.

Hammerflügel

William Youn begleitete das Werk auf einem Hammerflügel. Das ist nicht nur eine sehr authentische Entscheidung, sondern auch klanglich ein Volltreffer. Das Instrument ist nicht nur leiser, sondern auch farbiger als ein konventioneller Konzertflügel. Die Arpeggione-Sonate hat für Pianisten einen Nachteil: Man ist meistens abgemeldet, spielt seine Begleitfiguren, und fertig.

Die leise Farbigkeit des Hammerflügels hat dazu geführt, dass es immer ein wenig anders klang. Mal wirklich nur Begleitung, dann eine klar erkennbare rhythmisch prägnante Figur, dort ein überraschender Akzent. Kurz: Man hat wieder hingehört. Zudem kann William Youn vertrefflich mit diesem Instrument umgehen.

Musikalisch beglückend

Ja, sicher, Johannes Brahms hat seine beiden Klarinettensonaten auch für Bratsche autorisiert und sogar eine leicht abweichsende Fassung geschrieben. Und dennoch: Wer das mal mit Klarinette gespielt hat, will keine Bratsche mehr haben. Ungerecht, aber wahr. Nils Mönkemeyer kennt die Problematik und hat eine eigene Fassung erstellt, die sich in der Höhe mehr am Klarinettenoriginal orientiert.

Das funktioniert nur teilweise: Oft fließt alles ineinander, die Bratsche muss sich hörbar anstrengen, um gegen das Klavier durchzudringen. Hilft nichts: Eine Klarinettensonate ist eine Klarinettensonate ist eine Klarinettensonate. Aber man spürt auch die Meisterschaft von Nils Mönkemeyer und William Youn. Phasenweise finden sie Ruhe, Wärme und Intensität. Sie machen das Beste daraus. Insgesamt aber ein intelligent durchdachter und musikalisch beglückender Abend.

Andreas Göbel, kulturradio

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