Der Tenor Juan Diego Flórez; Foto: © Decca / Josef Gallauer
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Berliner Philharmonie - Juan Diego Flórez mit dem Orchestre de Chambre Lausanne

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Die Programmauswahl mag zum Mitsingen sein. Doch in Wirklichkeit kommt es, auf ein Jahrzehnt gerechnet, selten vor, dass ein Sänger des Ranges von Juan Diego Flórez einen Solo-Abend in Berlin bestreitet. Flórez, inzwischen 44 Jahre alt, befindet sich in einer Umbruchphase seiner Karriere – hin zu dramatischeren Partien.

Über die sechs Mozart-Arien, die er in der ersten Hälfte singt, ist er stimmlich eigentlich hinweg. Offenbachs Hoffmann dagegen, ebenso Verdi und Puccini, hat er teilweise noch nie in einem Opernhaus verkörpert – und wird es vielleicht niemals tun. So gewährt der bunte Abend einen exquisiten Laboreinblick. Und mit welch erstaunlichen Ergebnissen.

Die höllische 'Baumeister’-Arie aus Mozarts "Entführung“ (sonst meist gestrichen, weil sie zu schwer ist) ebenso wie die Bildnis-Arie des Tamino singt er auf Deutsch – lupenrein, jedenfalls für einen Nichtmuttersprachler. In der Mittellage seiner Stimme hat Flórez einen Zwischenboden eingebaut und als Vorratslager mit Farbsubstanzen bestückt, die seinem Tenor mehr Wärme und Modellierungsfähigkeiten geben. 'Il mio tesoro' aus "Don Giovanni“, eine der schönsten Tenor-Arien überhaupt, singt er 'frei von der Leber weg’, fast als sei’s Fritz Wunderlich. Nur als Idomeneo lassen die Koloraturen, allzu dekorhaft, rhetorischen Mitteilungsdrang vermissen. Insgesamt ist das noch weit besser als auf der zugehörigen CD.

Epochal

Einen Bogen von Mozart bis Puccini haben früher vielleicht Tenöre wie Alfredo Kraus oder Nicolai Gedda gelegentlich gespannt – auch sie kaum besser. Wie Flórez in 'Che gelida manina' (aus "La Bohème“) kurz vor Schluss eine Träne die Adern dieser Arie durchpulsen lässt, ist unfassbar. Die Cavatine des Oronte aus Verdis "I Lombardi“ – nicht Flórez’ Beritt – verfügt über eine Attacke, die man ihm nicht zugetraut hätte. Wie ist das möglich? Seine Stimme ist weicher, der Dachfirst höchster Töne dagegen robuster geworden. Er klingt nicht mehr monochrom (was früher seine Gefahr darstellte). Er ist nicht mehr grün hinter den Ohren, das Alter bekommt ihm.

Mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne wurde keine Sparlösung gewählt. Nur fehlen dem Ensemble jener Peng und jene Chiaroscuro-Effekte, die man für Verdi braucht. Die sechs Ouvertüren und Zwischenspiele geraten: von entbehrlich bis lästig. Bei den vier Zugaben gibt Flórez dem Affen Zucker. Wobei die Tonio-Arie mit den neun hohen C’s wieder besser funktioniert als zuletzt. Für 'Cucurrucucu' und 'La flor de la canella' begleitet er sich selbst auf der Gitarre. Dennoch war das Konzert – bei (zu hohen) Preisen bis zu 170 Euro – bei weitem nicht ausverkauft. Hilft nichts: Der Abend war epochal.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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