Hinter der Fassade; © Oliver Fantitsch
Renaissance Theater
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Bühne - Renaissance-Theater: "Hinter der Fassade“

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In Frankreich ist der 1979 in Paris geborene Florian Zeller ein Star der Literaturszene und wird oft in Atemzug mit Yasmina Reza genannt. Hierzulande ist Zeller aber eher noch ein Geheimtipp.

Am Hamburger St. Pauli Theater und am Berliner Renaissance-Theater, die gern kooperieren und die Inszenierungen von einem Haus zum anderen weiterreichen, ist Florian Zeller - der für seine Romane und Theaterstücke einige angesehene Preise eingeheimst hat- allerdings schon beinahe eine feste Größe. Nach "Die Wahrheit" und "Der Vater" gelangt denn auch jetzt mit "Hinter der Fassade“ bereits das dritte Stück des Autors als deutschsprachige Erstaufführung vom St. Pauli Theater ans Renaissance-Theater.

Die Dunkelheit des Nichts hinter all dem schönen Schein

Florian Zeller komponiert stimmige Stücke mit übersichtlichem Personal: ironische Beziehungsdramen, satirische Ehe-Schlachten, Theater-Flunkereien über die großen Vorteile der kleinen wahrheitsfördernden Lüge, alles voll gepackt mit schnellen Dialogen und einem Feuerwerk an Pointen, versüßt mit einem gehörigen Schuss französischer Eleganz und Leichtigkeit. Und ähnlich wie Reza es in "Kunst", "Drei Mal Leben" oder "Der Gott des Gemetzels" zelebriert, legt auch Zeller in seinen Stücken die kleinen Schwächen und Eitelkeiten der Menschen bloß und gibt sie der Lächerlichkeit preis, lässt er uns (hinter all der verzweifelten Komik der Menschen) in einen Abgrund des Daseins blicken, in die existenzielle Dunkelheit des Nichts, die hinter all dem schönen Schein lauert.

Das Leben geht trotzdem weiter

Diesmal schaut er hinter die Fassade zweier Paare, die sich bei einem Abendessen ein vermeintlich freundschaftliches Stelldichein geben wollen und sich dann doch verbal entblößen und körperlich fast ein wenig an die Wäsche gehen.
Daniel, ein erfolgreicher Lektor und selbstzufriedener Müßiggänger, ist mit der notorisch fleißigen und bis zur Selbstaufgabe politisch korrekten Isabelle verheiratet. Daniel hat seinen alten Freund Patrick zufällig auf er Straße getroffen und ihn zum Essen eingeladen: das Problem ist nur, dass Patrick sich gerade von Laurence getrennt hat und seine neue Freundin, die blutjunge und überkandidelte Emma, zum Essen mitbringen will. Das bringt Isabelle auf die Palme, sie ist die beste Freundin der just in die Ehe-Wüste geschickten Laurence: es kommt, wie es kommen muss, man belauert und bekämpft sich in gutbürgerlichem Ambiente, wirft sich kleine Bösartigkeiten an den Kopf.
Es geht um Sex und Lügen, um sterbenslangweiligen Ehe-Alltag, verdrängte Erotik und die Sehnsucht, aus seinem schnöden Leben auszubrechen. Aber die finale Katastrophe bleibt aus, Freundschaften und Ehen wanken ein wenig, man schüttelt und arrangiert sich - das Leben geht weiter: C'est la vie. 

Das Neben-sich-Treten - ein zentraler Kniff

Doch es gibt einen überraschenden doppelten Boden, einen dramaturgisch spannenden Dreh, der uns hinter die Fassade der Lügen führt und die wahren Gedanken, Wünsche und Ängste der vier Personen vor Augen führt. Die Figuren treten ständig neben sich, schlüpfen aus ihrer Rolle und sprechen zu uns ins Publikum, sie verraten uns, was sie wirklich denken, bevor sie sich dann wieder ins theatralische Beziehungs-Getümmel werfen und den anderen etwas ganz anderes vorspielen und hoffen, mit ihren kleinen Lügen und Halbwahrheiten durchzukommen. Dieses A-part-Sprechen und Neben-sich-Treten kennen wir von Goldoni und Moliére, aber da ist es meist nur der Spleen eines Dieners oder einer Zofe, hier bei Zeller ist es zentral, oft verwirrend und meistens ziemlich witzig. Mindestens die Hälfte der Inszenierung besteht daraus, dass die Figuren uns ihre wahren Gedenken und eigentlichen Wünsche mitteilen, bevor sie sich an ihre Mitspielen wenden und etwas ganz anderes von sich geben und dann doch lieber der Gattin nach dem Munde reden, dem Freund nicht die Meinung geigen, die erotischen Fantasien lieber nicht ausleben - obwohl wir es doch gerade vorhatten und dem Publikum auch schon angekündigt haben.

Eine wunderbar ironische Vorführung vom Leben als Theater der Träume

Herbert Knaup, bekannt aus Film und Fernsehen, kann ja vom schnöseligen Hamburger Anwalt bis zum provinziellen Allgäuer Polizisten alles spielen. Hier gibt Knaup den Daniel als schusseligen und bärbeißigen Pantoffelheld, der von seiner selbstbewussten und oft auch selbstherrlichen Ehefrau gegängelt wird, sich dann aber doch - zumindest in seinen Gedanken und Wünschen - zu wehren weiß und ganz schon witzig und frech sein kann. Knaup kassiert für seinen Balance-Akt zwischen scheinbarem Spießer und heimlichen Erotomanen reichlich viele Lacher und Szenen-Applaus. Sinja Dieks spielt ihre Emma als leicht prollige, freche Göre, die wiederum auch ihre feinfühligen, zärtlichen Saiten und Momente hat. Stephan Schad suhlt sich als Patrick darin, es geschafft, die Fesseln des spießigen Alltags und des Ehe-Gefängnisses abgeschüttelt zu haben, und doch ahnt er bereits, dass er vielleicht sehenden Auges nicht in die Freiheit, sondern in sein Unglück rennt. Cristin König ist als Isabelle die Verkörperung einer bürgerlichen Fassade: immer höflich, immer korrekt, immer gut frisiert und mit einem sanften Lächeln auf dien Lippen, aber natürlich brodelt es in ihr, möchte auch sie gern aus ihrer heilen Welt ausbrechen. Alle Figuren haben etwas Ambivalentes, alle schrammen immer knapp am Klischee vorbei, und so wird es ein recht unterhaltsamer und kurzweiliger Abend, der uns vergnüglich vor Augen führt, dass wir fast nie das laut sagen, was wir leise denken, fast nie das tun, was wir wollen; dass uns diese Ambivalenz zermürbt, wir aber ahnen, dass das Leben genau so ist: ein Versteck-Spiel, ein Theater der Träume, eben das, was uns die tollen Schauspieler da auf der Bühne gerade so wunderbar ironisch vorführen.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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