Sophiensaele Berlin: Siegfried © Monster Truck
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Sophiensaele Berlin - "Siegfried"

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"Siegfried" - das ist der Held des Nibelungenliedes, aber auch ein Künstler in Las Vegas, eine Metalband in Österreich und eine Gin-Marke. "Siegfried" ist einer und viele und Gegenstand der aktuellen Produktion von Monster Truck.

Die freie Theatergruppe Monster Truck mag es satirisch, bildstark und politisch inkorrekt. Davon fühlen sich Zuschauer und Kritiker oft gleichermaßen provoziert. Als die Gruppe 2012 Menschen mit Down-Syndrom in einer Völkerschau als Mongolen vorführte, löste sie damit eine Debatte über den Umgang mit Behinderten im Theater aus. Vor zwei Jahren sagte das Schauspiel Leipzig eine Premiere ab, in der 20 Minuten lang ein echtes Schwein zerlegt werden sollte.

Die Berliner Sophiensäle, langjähriger Kooperationspartner von Monster Truck, stellten sich demonstrativ hinter die Gruppe und holten die Inszenierung ans eigene Haus. Hier ging nun auch die neuste Monster-Truck-Arbeit "Siegfried" über die Bühne – die sich gerade nicht mit der großen Sagengestalt beschäftigen möchte.

Neonröhren und Kuscheltiere

Die Protagonisten des Abends sind Donald Duck, ein Teddybär und ein gelbes Pokémon. Drei Performer stehen unterm Plüsch-Kostüm auf der Bühne und sprechen kein Wort. Sie stehen hinter einem durchsichtigen schwarzen Gaze-Vorhang. Die Bühne ist leer, bis auf eine Leuchtschrift-Leiste aus Neonröhren über den Kuscheltieren. Hier strahlt am Anfang das Wort "Siegried" auf – es wird aber schnell abgelöst durch den Buchstabend S, in vielfacher Ausführung. Diese "S" blinken vor sich hin, während Donald, Teddy und das Pokémon zu elektronischen Klängen über die Bühne hüpfen.

So lang kann eine kurze Stunde sein – ein Blick in die ratlosen Gesichter der Zuschauer verdeutlichte es. Sicherlich erschließt sich der Abend über eine hoch diskursive Meta-Theaterebene, wie man das von Theatergruppen kennt, die am theorielastigen Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert haben – wie die Köpfe von Monster Truck. Von hier kam oft schon spannendes, konzeptionelles Performance-Theater – immerhin ist es die Pflanzschule von Hans-Thies Lehmann, dem Vater des postdramatischen Theaters.

Geringe qualitative Fallhöhe

Nur ist Theater eben immer noch ein Medium, das auf der Bühne überzeugen und sich durchs Zusehen erschließen muss. Was man an diesem Abend sieht, hat allerdings eine kürzere Haltbarkeitsdauer als die Performance selbst. Höhepunkt des Abends ist, wenn Teddy und Donald dem Pokémon den gelben Plüschkopf abnehmen und der Performer seinen Kopf einzieht, sodass es aussieht, als stecke niemand unterm Kostüm. Mit diesem Plüschkopf wird dann Fußball gespielt. Eine eher geringe qualitative Fallhöhe also.

Kein Helden-Epos

Trotzdem versucht man als Zuschauer ja stets, allem einen Sinn abzutrotzen. Ein Abend, der "Siegfried" heißt und drei Comic-Figuren auftreten lässt, will wohl sagen: In unserer Welt gibt es keine Helden. Sabrina und Sabine stehen auf gleicher Ebene mit Siegfried. Eine Erkenntnis, die allerdings nur über die ersten paar Minuten trägt.

Monster Truck gibt es seit 2005, die Performer sind wahrlich keine Theater-Debütanten. Man kann die Helden-Verweigerung in "Siegfried" also als kalkulierte Provokation betrachten. Man muss es sogar: Was hier auf der Bühne passiert ist so fernab davon, satisfaktionsfähig zu sein, dass man sich nicht vorstellen mag, es könne Monster Truck ernst damit sein. Die Zuschauer werden vorgeführt und enttäuscht: Dieser "Siegfried" erzählt kein Helden-Epos. Helden gibt es nicht mehr, hat es womöglich nie gegeben.

Müder Applaus

Diese einzige Inszenierungsidee wird allerdings so banal auf die Bühne gebracht, dass es längst nicht zur Provokation reicht. Kein Vergleich zu den frühen Monster-Truck-Abenden, die durchaus klug, verstörend sein konnten, eine ganz eigene Ästhetik entwarfen. Müder Applaus, aus manchen Reihen sogar Applaus-Verweigerung – aber auch das kann man selbstredend als Folge einer Pseudo-Provokation verkaufen. Sorgen muss sich Monster Truck jedenfalls nicht machen: Beim derzeitigen "Run" auf Performance-Gruppen werden sich immer wieder Kooperationspartner finden. Auch "Siegfried" ist bald nicht nur in Düsseldorf zu sehen, sondern auch an den Münchner Kammerspielen. Da kann man nur gratulieren.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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