Staatstheater Cottbus: "Onkel Wanja"; © Marlies Kross
Staatstheater Cottbus
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Staatstheater Cottbus - "Onkel Wanja"

Bewertung:

Regisseur Jo Fabian hat eine erste Inszenierung am Staatstheater Cottbus vorgestellt, die er nicht allein als Regisseur, sondern auch als Schauspieldirektor zu verantworten hat. Mit Beginn dieser Spielzeit hat er den Posten übernommen. Für sein Quasi-Debüt hat er sich ein berühmtes Stück ausgesucht: „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow.

Jo Fabian ist für seine Eigenwilligkeit bekannt, vermischt gern verschiedene Künste. Doch Tschechow bleibt erkennbar. Und, es wird ihm entsprochen: über weite Strecken ist wirklich eine Komödie zu erleben. Dabei hält sich die Inszenierung weithin an die Vorlage, inhaltlich und stilistisch: Wir erleben ein Häuflein Menschen auf einem heruntergekommenem Landgut. Verwandtschaft aus St. Petersburg ist da. Die Zeit steht still. Sehnsucht nach dem Gestern liegt über der Szene, alles soll bleiben, wie es ist. Damit zielt der Abend auf das Hier und Heute: Vielen geht es ja so, daß sie meinen, mit der neuen Zeit nicht Schritt halten zu können. Das wird vor allem durch die Spiegelung der Atmosphäre des In-sich-Verharrens erreicht. Sehr wirkungsvoll.

Höhepunkte Dank exzellenter Schauspieler

Höhepunkte sind die naturalistisch gespielten Szenen, wenn die durchweg exzellenten Schauspieler wirkliche Charaktere erschaffen, die ich als Zuschauer verstehen, denen ich mich zuwenden, ihnen nahe kommen kann. Aber: Es wird ein Füllhorn an Einfällen ausgeschüttet. Und das bringt viele Fragen: Warum geht der Regisseur als stumme Figur über die Bühne oder sitzt da irgendwo in der Ecke? Warum echte Ziegen im Hintergrund, die man von vielen Plätzen aus gar nicht sehen kann? Das Bühnenbild schränkt die Sicht nämlich erheblich ein: Vorn eine Wand, die zwar einige Öffnungen hat – eine verglaste Flügeltür in der Mitte, rechts und links Löcher in den Wänden, weil etwa der Kamin fehlt –, und doch bleibt vieles innen, im Salon, unsichtbar. Und dahinter, in der Rückwand ist auch eine Tür, dahinter die Ziegen im Gatter. Und noch mehr Fragen: Warum diese und jene Musik von Tschaikowsky bis Rock? Warum wird die Handlung mehrfach unterbrochen, frieren die Figuren ein, und es gibt sowas wie Regieanweisungen?

Jo Fabian, will, daß jede und jeder im Publikum eine eigene Lesart findet. Doch die Suche danach wird durch das Zuviel an Einfällen arg erschwert. Und: Im zweiten Teil wird oftmals zu sehr auf die Tube gedrückt, so daß die Komödie zur Klamotte wird. Bedauerlich.

Staatstheater Cottbus: "Onkel Wanja"; © Marlies Kross
Onkel Wanja; © Marlies Kross

Aufbruch zu neuen Ufern

Trotz der Einwände: eine lohnenswerte Novität. Theater muss ja nicht immer glatt sein. Und die Intelligenz in der Spiegelung einer diffusen Lebensangst, viele exzellenten Schauspiel-Momente, die spürbare Lust des Ensembles, gemeinsam mit Jo Fabian zu neuen Ufern aufzubrechen, all das ist überaus anregend.

Peter Claus, kulturradio

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