Eingangstor zu den Uferstudios in Berlin Wedding
rbb online/Doris Hellpoldt
Bild: rbb online/Doris Hellpoldt Download (mp3, 4 MB)

Uferstudios - Eröffnung Open Spaces

Bewertung:

Das Tanzduo kann man getrost als eine Königsdisziplin der Tanzkunst bezeichnen. Ob im Klassischen Ballett oder im Zeitgenössischen Tanz - das Spiel im Duo mit Nähe und Distanz gehört zum reizvollsten und schwierigsten.

Beim Eröffnungsabend des Open-Spaces-Herbstfestivals der Berliner Tanzfabrik gestern Abend in den Uferstudios sind gleich zwei Tanzduos zur Premiere gekommen, verantwortet jeweils von zwei Künstlerpaaren.

Grenzbereiche von Intimität und Abstand

Zwei Stücke, verbunden in der Beschäftigung mit den Grenzbereichen von Nähe und Distanz, Intimität und Abstand. Beide kommen ohne erzählte Geschichten aus, folgen experimentellen Ansätzen und nehmen den menschlichen Körper als Material, als Untersuchungsgegenstand.

Das Duo "M.A.R.S." von Felix Mathias Ott und Bahar Temiz ist ein Ausloten der Möglichkeiten zu Verschmelzung, ohne dass die eine im anderen aufgeht.

Und in "Schleppen", dem Stück von Wilhelm Groener, wird die Frage nach der gegenseitigen Beeinflussung zweier Körper auf den ganzen Raum ausgeweitet, auf Boden, Wände, Fenster und Heizkörper. Zwei Stücke also zu einem ähnlichen Thema, aber mit unterschiedlichen Ansätzen.

Ineinander und aneinander geklammert – Nähe als Kraftakt

Bei Felix Mathias Ott kriechen er selbst und seine Bühnenpartnerin Bahar Temiz ineinander hinein und übereinander hinweg. Beide 34 Jahre alt und hier in ihrer zweiten Zusammenarbeit, sind komplett in grau gewandet, Schuhe, Hose, T-Shirt und Oberhemd – alles unterschiedslos grau.
Fest aneinander geklammert rollen sie vorwärts, rückwärts, seitwärts über den Boden, die Gesichter im Schambereich des jeweils anderen vergraben, in Gesäß und Schritt, zu Beginn und am Ende extrem verlangsamt, was das Miteinander-Rollen zu einem Kraftakt werden lässt. Ultimative Nähe ist hier also enorme Anstrengung.

Die Körper sind Material, werden als Objekte behandelt. Die Intimität ist völlig frei von Liebe, Erotik oder Sex – das kurze, schnell wiederholte Küssen zum Beispiel ist ein heftiges Aufeinanderprallen der Münder, ist Schnäbeln, Saugen, Schmatzen und Prusten. Und wenn sie mit flacher Hand oder mit der Faust auf Brust, Wangen und Mund schlagen, werden die hervorgepressten Atemgeräusche zu Quietsch- und Quetsch- und Plop-Klängen, zu rhythmisierten Klängen, die den Soundtrack aus mechanischen, industriellen Geräuschen

Keine romantische Verschmelzung

Hier geht es nicht um romantische Verschmelzung, Intimität und Zärtlichkeit. Es geht zwar darum, wie nahe sich zwei Körper in einer grenzüberwindenden Beziehung kommen können, ohne sich ineinander aufzulösen, das aber abstrakt und gegenständlich. Beide sind vereint und doch jeder für sich, etwa bei den Rollfiguren, bei denen sie sich Hilfestellungen geben müssen, beim Sitzen mit dem Gesäß auf dem Gesicht des anderen, beim exzessiven Schütteln, Stoßen, Ziehen, Zerren, das beide Körper erschüttert, das sie aneinander bindet und voneinander wegzureißen droht, das durch Tempo, Rhythmus und Erschöpfung zu Trance-Zuständen führt. Erst ganz am Ende verschmelzen sie zu einer Skulptur, werden zu einem Wesen mit vielen Gliedern, wie Durga, die indische Göttin mit den vielen Armen.

Felix Mathias Ott hat wieder, wie in allen seinen bisherigen Stücken, etwa in der Auseinandersetzung mit der russischen Kampfsportkunst Systema, im Ausweichen und Umleiten der Schlagenergien oder im Anverwandeln des Odysseus-Mythos in eine gegenwärtige Verlorenheits-Parabel oder im Baustellen-Stück zweier Performer, die sich als Handwerker austoben, Felix Mathias hat erneut seinen ureigenen Kosmos entworfen, trotz der Abstraktion bildhaft, poetisch und eindringlich in der kuriosen Innigkeit der beiden.

Wilhelm Groener "Schleppen" – ein Körper-Raum-Experiment

Das Künstlerduo Günther Wilhelm und Mariola Groener, das schon seit vielen Jahren zu den besten Tanzkünstlern Berlins gehört, lässt Michelle Moura und Günther Wilhelm erst auf dem Boden rutschend wie Planeten umeinander kreisen, in Kreis- und Ellipsenbahnen, wie durch Gravitationskräfte gebunden und immer wenn sie sich auf ihren Bahnen begegnen, geschieht eine Veränderung der Bewegung oder der Richtung.

Ein Prinzip, das sie dann auf den gesamten Raum ausweiten. Wie verändern sich Körper, Bühne, Szenerie, Atmosphäre und Energie, wenn sie gegen die Wände knallen, auf den Fenstersims steigen, die Heizkörper als Instrumente nutzen, wenn Michelle Moura eine Tür in einen Nebenraum öffnet und schließt und sich versteckt und wenn Günther Wilhelm sich als lebender Türstopper davor legt? Was verändert sich, wenn er hinter einer grauen Wolldecke verschwindet und sie allein zurückbleibt?

Um Begegnungen geht es hier, um Wechselwirkungen und Einflussnahme, um Wandlung und Transformation und um Veränderungen von scheinbar Unveränderlichem durch ständig neue Körper- und Raumkonstellationen. Wie immer bei Wilhelm Groener sehr präzise durchdacht und bearbeitet, diesmal auch mit sehr viel Komik.

Die Open-Spaces-Eröffnung also mit zwei experimentellen Stücken sehr erfahrener Künstler auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln und Formen, zwei Stücke eher für ein tanzkundiges Publikum, das die Tanzfabrik mit diesen Festival-Reihen ja auch ansprechen möchte

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen

Satyagraha; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin - Philip Glass: "Satyagraha"

Das hohe Maß an Verehrung, dass Cherkaoui andernorts genießt, kann diese Arbeit nicht deutlich machen. Und der achtbare, auch genießbare Abend ist gewiss kein musikalisch großer. Trotzem eine richtige Repertoire-Entscheidung – und ein Publikumserfolg auch.

Bewertung: