Volksbühne Berlin: Beckett © imago/Martin Müller
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Volksbühne Berlin - "Samuel Beckett"

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Zur Eröffnung zeigte die Volksbühne drei Einakter von Samuel Beckett in der Regie von Walter Asmus und Arbeiten von Tino Sehgal an einem Abend.

Als die Volksbühne im September mit einem großen Tanztag auf dem Tempelhofer Feld die neue Spielstätte am ehemaligen Flughafen eröffnete, nannten das die einen nichts als eine große Party, die anderen waren vom Einblick in die Tanzgeschichte fasziniert, die der Choreograf Boris Charmatz hier gab. Aber das war nur Teil Eins des Neustarts unter dem schon vorab viel geschmähten Intendanten Chris Dercon: Nun öffnete das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz endlich die Türen, mit drei Einaktern von Samuel Beckett und, im ganzen Haus verteilt, Performances des bildenden Künstlers Tino Sehgal.

Der Abend beginnt im großen Saal mit einem Mini-Auftakt von Tino Sehgal: laute E-Gitarren, flackendes Licht, der riesige Kronleuchter fährt ein paar Meter von der Decke herab – dann ist es auch schon vorbei und die Zuschauer werden für die nächsten anderthalb Stunden durch die Foyers geschickt. Hier sind dann sowohl Videoaufzeichnungen von Beckett-Arbeiten zu sehen als auch ältere Performances von Tino Sehgal.

Darunter auch solche, die schon im Berliner Martin Gropius Bau liefen: "Ann Lee" zum Beispiel, in der ein Mädchen eine Manga-Figur darstellt, die Mensch werden möchte. Sie erzählt den Zuschauern nicht nur aus ihrem Leben als Kunstfigur, sondern interagiert immer wieder mit dem Publikum. Eigentlich eine schöne, berührende Arbeit von Sehgal – die aber, das ist das Problem, einen sehr ruhigen, konzentrierten Raum braucht, wie er im Museum zur Verfügung steht. In der Volksbühne, in der sich ein paar hundert Menschen, darunter selbstredend viele Promis, bei dieser Eröffnung mit Weingläsern und Bierflaschen lautstark durchs Foyer bewegen, geht die Performance vollkommen unter. Man konnte noch so nah vor Ann Lee sitzen – verstanden hat man sie kaum.

Im Saal sah man im Anschluss Walter Asmus’ Inszenierung von drei späten Beckett-Einaktern. Asmus ist mit seinen 76 Jahren ein Beckett-Kenner der ersten Stunde, hat damals mit ihm zusammengearbeitet. Dercons Entscheidung, ausgerechnet mit ihm und Beckett zu starten, hat ähnliche Gründe wie die Eröffnung mit Werken aus der Tanzgeschichte auf dem Tempelhofer Feld. Die neue Volksbühne möchte, so sagt das die Künstlerische Leiterin Marietta Piekenbrock, Werke aus der Vergangenheit zeigen, die Epochenbrüche ausgelöst haben, um so zu neuen zeitgenössischen Positionen zu finden. Becketts Werk zählt mit Sicherheit zu den bahnbrechenden der Theatergeschichte – und es ist durchaus eine spannende Idee, gerade heute, da im Theater alles möglichst politisch tagesaktuell sein möchte, auf den historischen Zusammenhang zu verweisen.

Andererseits: Das Theater ist nun einmal kein Museum. Sondern das Medium, das sich wie kein anderes mit Gesellschaft auseinanderzusetzen hat, da es live mit dieser Gesellschaft im Zuschauerraum interagiert. Holt man die alten Stoffe auf die Bühne, sollte man wissen, was sie uns noch zu sagen haben.

"He, Joe" (1965), "Nicht ich" (1972) und "Tritte" (1975) sind späte Kurztexte Becketts, allesamt Kopfinnenraumstücke, in denen nur die Erinnerung, der Schmerz, die Schuld aus den Figuren spricht – in Form eines Monologs mit sich selbst, einem repetitiven Rauschen im Kopf. Das ist unsagbar düster und trostlos – aber durchaus existenziell. Die theatrale Form allerdings, in der Beckett das inszeniert sehen will, war zwar zu seiner Zeit radikal, kommt einem heute aber eher abseitig und museal vor. In "Nicht ich" soll auf einer komplett schwarzen Bühne nichts als ein sprechender Mund zu sehen sein. In "Tritte" muss die mit sich und ihrer toten Mutter sprechende Frau eine exakte Anzahl von Schritten auf und ab gehen und sich in einer genau definierten Richtung drehen. In "He, Joe", eigentlich ein Fernsehspiel, darf der stumme Darsteller allein seine Mimik variieren, sich nicht bewegen, während er der Stimme in seinem Kopf lauscht.

Fast genau so inszeniert es denn auch Walter Asmus: Damit der Raum rabenschwarz ist, werden sogar die Leuchten der Notausgänge abgeschaltet. Und bei "Nicht ich" ist auf der riesigen Volksbühne tatsächlich nur der winzige Mund der Schauspielerin Anne Tismer angeleuchtet, der hinterm schwarzen Vorhang herausschaut.   

Anne Tismer hat vor 15 Jahren an der Schaubühne mit Thomas Ostermeier Erfolge gefeiert und steht nun zum ersten Mal seit langem wieder auf der großen Bühne. Mehr als ihren Mund bekommt man lediglich in "Tritte" zu sehen: Hier schlurft sie wie ein Gespenst gebückt und gebrochen von rechts nach links. Was die Darstellung anbelangt ist das arg melodramatisch. Ein Genuss jedoch, zuzuhören, mit welcher Intensität, Präzision, Klarheit, auch Energie sie diese drei Texte manchmal herausschleudert, dann wieder herauswürgt oder kurz vor dem Verstummen aushaucht. Man möchte sie gern auch in anderen Zusammenhängen wieder auf der großen Bühne sehen.

Nichtsdestotrotz  haben die Beckettschen Regie-Experimente, denen Walter Asmus hier Rechnung trägt, wenig mit Schauspiel zu tun. Schon in Reihe acht erkennt man Tismers Mund nicht mehr und kann als Beckett-Laie nur raten, was dieses beleuchtete Etwas darstellen könnte. In "He, Joe" muss das wunderbar zerfurchte Gesicht des dänischen Schauspielstars Morten Grunwald, ähnlich wie in Becketts Fernsehspiel,  groß projiziert werden, damit man dessen nuancenreiche Mimik überhaupt erkennen kann. Diese Einakter sind weder für die große Bühne noch für Theaterschauspieler geeignet.

Man kann also beim besten Willen nicht von einem runden, gelungenen Volksbühnen-Auftakt sprechen. Nach vier Stunden verlässt man das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz mit großen Fragezeichen: Was ist es, das Samuel Beckett und Tino Sehgal an diesem Abend nun wirklich zusammenbringen soll? Sehgals Arbeiten, das ist überdeutlich, sind trotz mancher Zuschauer-Interaktion fürs Museum konzipiert.

Becketts späte Kurzstücke sind Formexperimente, die auf dem Bildschirm besser zur Geltung kommen als auf die weite Distanz. Mit dem Theaterraum scheint das neue Volksbühnen-Team bislang nicht umgehen zu können. Noch dazu ein seltsames Signal, die neue Intendanz mit bereits andernorts gezeigten Arbeiten von Sehgal und Asmus beginnen zu lassen: Nur der kleine Kronleuchter-Auftakt Sehgals kann streng genommen als Premiere gelten. Dessen Performances wurden jedoch lediglich fürs Eröffnungswochenende gebucht – die Inszenierung von Walter Asmus wandert ohne Sehgal ins Repertoire. Konzeptionell und ästhetisch ist das zu wenig für den Auftakt eines so bedeutenden Hauses.

Barbara Behrendt, kulturradio

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