Berliner Barock Solisten @Orlovsky
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Philharmonie Berlin - Berliner Barock Solisten und Frank Peter Zimmermann

Bewertung:

Frank Peter Zimmermann spielt Johann Sebastian Bach. Das sollte eigentlich genügen, um einen grandiosen Abend zu erwarten. Das Ergebnis enttäuscht zunächst auf ganzer Linie – bis am Ende der Geiger dann doch noch zu sich und zu Bach findet.

Johann Sebastian Bach in der Großen Philharmonie – das ist immer etwas heikel. Und auch diesmal hatte man das Gefühl, dass alles sehr weit weg wirkt. In der Mitte der Bühne ein verlorenes Häuflein Musiker. Zumal man auch in den benachbarten Kammermusiksaal hätte gehen können – der Große Saal war gerade einmal halbvoll. Aber bei allem: Das Problem war nicht so sehr ein akustisches, sondern überhaupt der Umgang mit der Musik.

Da gab es ausschließlich Werke von Johann Sebastian Bach: Violinkonzerte und eine Ouverture, Standard für Barockensembles, und auf unzähligen Aufnahmen dokumentiert. Dass jetzt mit den Berliner Barock Solisten ein doch recht renommiertes Alte-Musik-Ensemble das alles so hemdsärmlich herunterspielt, hat doch ein wenig überrascht.

Ganz nett

Die C-Dur-Ouverture von Bach ist eine phantasievolle Folge von Tanzsätzen, geschickt arrangiert: hier das ganze Ensemble, dort mal nur das kleine Bläsertrio, dann rhythmisch Dominanz gegen kunstvollste Verarbeitung. Und dann klingt das mit den Berliner Barock Solisten zwanzig Minuten lang alles irgendwie gleich.

Wenn im ersten Satz im schnellen Hauptteil schließlich die Stimmen nacheinander einsetzen, hätte man die Einsätze schon gerne gehört, aber alles ist irgendwie Zufall. Die Tempi sind leicht verhuscht, Wiederholungen klingen oft gleich. Die Raffinesse des Stücks wird kaum einmal gestreift. Sicher, das hat alles ganz nett geklungen, aber eben auch ziemlich langweilig.

Technik-Übungen

Nun ist Frank Peter Zimmermann einer der wichtigsten Interpreten der Musik von Johann Sebastian Bach. Spätestens seit der Aufnahme der Duosonaten hat er sich an die Spitze dieses Repertoires gespielt: intelligent und klanglich ein Hochgenuss. Dass Zimmermann die beiden im Original überlieferten Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach mit so viel Routine heruntergespielt hat, musste überraschen.

Dass Zimmermann das alles technisch beherrscht, versteht sich von selbst. Aber es klang auch über weite Strecken nach Technik-Übungen zum Warmspielen: Floskeln, Formeln, wie von einem phantasielosen Fließbandkomponisten. Dazu weichgespült und dynamisch extrem gleichförmig. Immer wieder hat er zwar seine Mitspieler fröhlich angeschaut, aber rein akustisch vermittelte sich – horribile dictu – fast so etwas wie Desinteresse.

Ein B-Komponist?

Im E-Dur-Violinkonzert hat man dann doch mal aufgehorcht. Da hat Frank Peter Zimmermann im ersten Satz ein paar Varianten gesetzt, durchaus stiltypisch. Warum aber das dann im Korsett eine durchgepeitschten Tempos? Das war fast gewalttätig, hatte keine Eleganz, nichts Spielerisches.

Man kann nur hoffen, dass alle einfach einen schlechten Abend hatten. Sicher, wenn das Musik eines B-Komponisten gewesen wäre, die kein Mensch zuvor gehört hätte, wäre das noch halbwegs angegangen, aber Bach? Im Programmheft war zu lesen, dass das auf CD herauskommen soll. So gespielt, braucht das niemand.

20 Minuten große Musik

Am Ende des offiziellen Teils gab es aber dann doch noch Bachs Violinkonzert in d-Moll. Überliefert ist es als Cembalokonzert, aber man nimmt an, dass das Original für Violine gedacht war. Und so gibt es eine rekonstruierte Fassung. Das ist ein düsteres, emotional extrem aufgeladenes Stück, von Frank Peter Zimmermann zunächst auch eher verwaschen angegangen.

Dann aber schien er sich dem Sog dieser Musik nicht mehr entziehen zu können. Kein langweiliges Wellness-Spiel mehr, sondern eine aus dem technischen Anspruch erwachsende Tragik, ein Aufbegehren, im langsamen Satz eine Mischung aus Trauer und Erhabenheit. Und schließlich das, was Bachs Musik ausmacht: eben keine Nähmaschinen-Musik, sondern eine Balance-Akt am Abgrund des emotional gerade noch Darstellbaren. So wird man dieser Musik gerecht, das hat durchgeschüttelt.

Und allein für diese zwanzig Minuten hat sich der Abend gelohnt. Wenig genug für einen Weltklasse-Geiger, aber besser als nichts.

Andreas Göbel, kulturradio

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