Berliner Ensemble: "Les Misérables" © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Les Misérables/Die Elenden"

Bewertung:

Berlin ohne Castorf? Unvorstellbar. Deshalb hat Oliver Reese, der Nachfolger des Claus Peymann am Berliner Ensemble, den Bühnen-Berserker zur Mitarbeit eingeladen und ihn gebeten, seine Version von Victor Hugos monumentalem Roman "Les Misérables" auf die Bretter zu donnern.

Wie stets, wenn Castorf sich die großen Romane der Weltliteratur vornimmt, sind das abgründige Theater-Odysseen. Die von politischen Debatten und philosophischen Exkursen geprägte, von banalen Blödeleien und hanebüchenen Slapstick-Nummern aufgelockerte Inszenierung dauert schockierende, den Körper folternde und den Geist in Geiselhaft nehmende sieben Stunden

Berliner Ensemble: "Les Misérables" © Matthias Horn
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Schauderhaft-schön

Eine lange Reise in die Nacht, die oft ermüdet und langweilt, dann einen aber wieder hochschrecken lässt, aufwühlt und zutiefst bewegt und fasziniert. Castorf animiert seine Schauspieler, alles zu riskieren, sich furios um Kopf und Kragen zu quasseln und sich die Seele aus dem Leibe zu spielen. Aber dann gibt es immer wieder diese seltsam lustlosen Dellen, in denen Castorf die Luft ausgeht und die Inszenierung in gähnende Leere abtaucht, durchhängt und man sich ein Ende dieser schauderhaft-schönen, grandios-irrlichternden Theater-Zumutung sehnlichst herbei wünscht.

Macht und Elend, Revolte und Verrat

Es geht um das soziale und psychologische Elend der von kapitalistischer Ausbeutung und staatlicher Willkür, Ungleichheit und Ungerechtigkeit gedemütigten Kreatur Mensch. Victor Hugo hat "Die Elenden" 1862 veröffentlicht und darin die Epoche der Restauration verarbeitet: Die hehren Ziele der Französischen Revolution sind längst mit Füßen getreten, überall Unterdrückung und Armut, der Staat reagiert auf jede Form des Widerstands mit unnachgiebiger Härte.

Jean Valjean saß 19 Jahre im Knast, weil er ein Stück Brot gestohlen hat. Nun versucht er, sich Bildung anzueignen, ein guter Mensch zu werden und anderen zu helfen. Unter falschem Namen wird er Bürgermeister einer Kleinstadt, kümmert sich um Cosette, die Tochter einer an Schwindsucht gestorbenen Prostituierten. Doch weil der fanatische Polizeiinspektor Javert ihn für einen notorischen Kriminellen hält, taucht Jean Valjean ab, baut sich in Paris mit Ziehtochter Cosette eine neue Existenz auf, die sich in einen jungen Brausekopf und Revolutionär verliebt. Das Spiel um Macht und Elend, Revolte und Verrat kulminiert im Pariser Juniaufstand von 1832: Die Hoffnungen auf ein besseres Morgen werden blutig zertrampelt, die Weichen gestellt für kommendes Elend, das bis heute weiterwirkt.

Berliner Ensemble: "Les Misérables" © Matthias Horn
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Castorf benutzt den Roman als Steinbruch, vermischt die literarischen Fundstücke zu einem Textbrei aus brachialem Alltagsjargon und politischer Tirade, konterkariert das Ganze mit "Drei traurige Tiger", einem karibischen Sittengemälde von Guillermo Cabrera, sowie mit Heiner Müllers "Der Auftrag", einem Abgesang auf den im Verrat endenden Versuch, die Französische Revolution in die Karibik zu tragen. Die von Aleksandar Denic´ gebaute Sperrmüll-Bühne rotiert sich durch Zeiten und Raum, ist Bordell und Polizeikäfig, zeigt armselige Hinterhöfe in Paris und verräucherte Bars und Tabak-Fabriken in Havanna. Verdoppelt und verfremdet wird das grotesk überzeichnete Spiel und die absurd überkandidelte Rhetorik mit filmischen Elementen, Leinwand-Projektionen, musikalischen Verzerrungen, atonalen Einsprengseln. 

Frisch und frech, politisch unkorrekt

Andreas Döbler (Jean Valjean) gibt den brachialen Wüterich mit Berliner Schnauze und einer romantischen Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Valery Tscheplanowa hat (als Prostituierte Fantine und Tochter Cosette) zärtlich-zerbrechliche und derb-prollige Momente. Stefanie Reinsperger und Aljoscha Stadelmann balancieren als geldgierig-amoralisches Ehepaar Thénardier auf dem schmalen Grat zwischen schnöder Witzelei und großem Drama. Wolfgang Michael zeichnet den fanatischen Javert als intellektuellen Miesepeter und schlampiges Genie. Der greise Jürgen Holtz sorgt als gottesfürchtiger und menschenfreundlicher Bischoff für die leisen Töne: kauzige Monologe nahe am Verstummen, bewegende Ruhepole im allgemeinen Theater-Tohuwabohu.

Die BE-Mimen spielen sich aufmüpfig frei, stopfen die Durchhänger und Leerläufe mit herrlichen Solo-Auftritten, zeigen, wie frisch und frech, politisch unkorrekt und theatralisch innovativ ein siebenstündiger Castorf-Wahn immer noch sein kann. Ja, der Abend könnte kürzer sein, und, ja, auf die karibischen Abenteuer hätte man gern verzichtet. Aber Castorf wäre nicht Castorf, wenn er sich selbst, seine Schauspieler und die Zuschauer nicht bis zur Erschöpfung quälen könnte. Vielleicht können nur so Erkenntnisse sich Bahn brechen und das Theater seine verlorene geglaubte Dringlichkeit unter Beweis stellen.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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