DT Berlin | Die Zofen: Samuel Finzi und Wolfram Koch © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Die Zofen"

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"Die Zofen sind Ungeheuer wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen", schrieb Jean Genet über Claire und Solange. Die beiden sind Angestellte der Gnädigen Frau. Und ist die aus dem Haus, beginnt das perfide Spiel der Zofen. Ein Schauspielerfest!

Jean Genet war von Beruf nicht Schriftsteller, sondern Dieb. Er saß zigmal im Gefängnis, lebte unter Bettlern und Kriminellen als Ausgestoßener der Gesellschaft – und drehte den Spieß dann einfach um: Der Niedrigste ist in seinen Stücken der Höchste, das schlimmste Vergehen das schönste. Und so ist auch sein Kammerspiel "Die Zofen" eine Feier auf die grausame Schönheit des Verbrechens. Am Deutschen Theater in Berlin hat es der bulgarische Regisseur Ivan Panteleev inszeniert, mit seinen Lieblingsschauspielern Wolfram Koch und Samuel Finzi als mörderische Schwestern.

Wenn Finzi und Koch zusammen auf der Bühne stehen, wie bei "Warten auf Godot", ebenfalls von Panteleev inszeniert, ist das beinahe ein Selbstläufer. Allerdings hat sich schon Jean Genet für die drei Rollen des Stücks, also die Zofen und die Gnädige Frau, die die Zofen umbringen wollen, eine rein männliche Besetzung gewünscht. Zum einen, weil das 1947, als das Stück in Paris uraufgeführt wurde, eine krasse Provokation darstellte:

Schließlich geht es in diesem Kammerspiel unablässig ums Verkleiden – das wird so zur Travestie. Zum anderen, weil das Setting noch surrealer wird, wenn die männlichen Zofen in ihrer normalen Zimmermädchen-Kluft bereits verkleidet wirken. Provokant ist das heute nicht mehr – aber das Abgründige und Absurde bei diesem Spiel im Spiel im Spiel der drei Männer ist nach wie vor spürbar.

Masochistischer Genuss

Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit – Genet hat einen Mordfall verarbeitet, der damals halb Frankreich schockierte: Zwei Schwestern, beides Bedienstete, erledigten kaltblütig ihre Herrin. Bei Genet wird daraus aber kein Sozialdrama, das die schlechten Arbeitsbedingungen der Dienstboten anprangert, sondern ein hochartifizielles Rollen- und Sprachspiel und ein sadistisches, erotisch aufgeladenes Machtspiel.

Die beiden Zofen Claire und Solange proben, sobald sie allein sind, den Mord an ihrer Chefin. Eine von ihnen spielt die Gnädige Frau – die andere muss sich ihr unterordnen, bevor sie dann leidenschaftlich aufbegehrt. Diese pervertierte Lust daran, aus der Unterdrückung auszubrechen, nur um das Machtspiel umzukehren und selbst den Unterdrücker zu geben, ist die eine Seite. Die andere ist der masochistische Genuss daran, sich selbst zu unterwerfen und nur vordergründig zu revoltieren, weil man gar nicht weiß, wer man außerhalb dieser Machtstrukturen wäre.

Kaum tuntig

Dieses Stück heute mit drei Männern zu spielen, ohne, dass das Verkleidungsspiel lächerliche Klamotte wird, ist nicht leicht. Versuche, "Die Zofen" als bürgerliches Rührstück zu geben oder als realistischen Edelboulevard, gingen in der Vergangenheit nicht recht auf, auch nicht mit reiner Frauenbesetzung. So wie es Ivan Panteleev mit Samuel Finzi, Wolfram Koch und Bernd Stempel inszeniert – nämlich als groteske Komödie – wird daraus aber ein skurriler Theaterabend, der nur zwischendurch etwas zu bleiern gerät.

Panteleev bringt das Stück recht karg auf die Bühne. Dort steht nur eine riesige Spiegelwand, die sich im Kreis um die eigene Achse drehen lässt. Johannes Schütz zitiert damit die Bühne aus der berühmten "Perser"-Inszenierung von Dimiter Gotscheff, ebenfalls mit Koch und Finzi in den Hauptrollen. Die Rückseite dieser Wand stellt den Kleiderschrank der Gnädigen Frau dar – hier hängt ihr Geschmeide schlicht am Haken.  Die drei Männer spielen an der Rampe, mit nur wenigen Requisiten. Kaum tuntig, sondern mit einem ausbalancierten Spiel aus Witz, Ironie und Grausamkeit.

DT Berlin | Die Zofen: Samuel Finzi und Wolfram Koch © Arno Declair
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Ein Schauspielerfest!

Zuerst treten Finzi und Koch in schwarz-weißem Diener-Outfit und Frauen-Perücke auf – und gerade als "reale" Zofen spielen sie am gekünstelten. Wenn sie ihre Perücken abnehmen, als Männer vor uns stehen, sich aber ins teure Geschmeide der Gnädigen Frau werfen, dann dringen sie immer weiter vor zu ihrem Hass, ihrer Eifersucht, ihrer Abhängigkeit voneinander. Das Spiel im Spiel führt also zu mehr Wahrheit als die Realität selbst. Und auch der komödiantische Auftritt von Bernd Stempel gerät nicht zu überzeichnet: Als Herrin mit grauer Perücke sieht er eher wie eine alte Tante aus denn wie die gefürchtete Chefin. Er wirft ebenfalls sein Frauenkostüm von sich, steht in Glatze vor uns – und weil er so halbironisch mit den Zofen umgeht, als wüsste er von deren Mordplänen, kriegt das Ganze noch eine absurdere Drehung. Ein Schauspielerfest!

Im Mittelteil gibt es jedoch Szenen, die durchhängen, die entweder zu kraftlos wirken oder zu schwer – hier verliert Panteleev die Richtung. Er hätte durchaus noch schriller, böser, härter inszenieren können. Aber von den ambivalenten Machtbestrebungen, die in jedem schlummern, erfährt man durchaus etwas.

Barbara Behrendt, kulturradio

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