Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern (Quelle: Monika Rittershaus)
M. Rittershaus
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Staatsoper Unter den Linden Berlin - Gastspiel der Berliner Philharmoniker

Bewertung:

Eine Woche vor Aufnahme des Regelbetriebs an der sanierten Staatsoper Unter den Linden gastierten die Berliner Philharmoniker am Ende ihrer großen Tournee – und bekamen die akustischen Tücken des restaurierten Saals zu spüren.

Irgendwie ist die Staatsoper immer noch teilweise Baustelle. Staubig genug ist es dort, in den Treppenhäusern und im Saal auf den Stühlen, dass man sogar schmutzige Hände bekommt. Zudem riecht es ziemlich unangenehm nach Malerfarbe, die Geruch zieht auch noch ins Parkett.

Vor dem Haus stehen noch Bauzäune, das Pflaster ist noch nicht fertig verlegt, auch die Karten gibt es immer noch im Container, der sog. Ticket-Box. Immerhin ist das WC nicht mehr nur im Keller zu besuchen, da geht es voran. Aber natürlich ist das alles nur das, was der Besucher mitbekommt. Wie es hinter den Kulissen aussieht, wie weit die Bühnentechnik eingerichtet ist, bleibt Spekulation.

Das Publikum sorgte für einen ausverkauften Saal, sicherlich in erster Linie, um diesen in Augenschein zu nehmen. Da wurden rekordverdächtig viele Smartphones gezückt, um das erst einmal zu fotografieren.

Die Akustik im Saal

Mit der Akustik im Saal sind die Berliner Philharmoniker zunächst nicht zurechtgekommen. Igor Strawinskys "Petruschka"-Ballett klang topfig, dumpf und aggressiv, hatte wenig Trennschärfe.

Vor allem stimmte die Balance der Instrumente nicht – wenn sich die Streicher vorne ins Zeug legten, waren die Bläser dahinter weitgehend abgemeldet. Das klang, als wenn sie mindestens zwei Kilometer entfernt sitzen würden.

Falsche Stücke

Sicher war das das falsche Stück für den Saal. Als die Staatskapelle Anfang Oktober ihr erstes Sinfoniekonzert hier spielt, hatte sich Daniel Barenboim für Debussy entschieden, sehr viel filigraner und besser geeignet für die akustischen Verhältnisse. Man spürte, wie Simon Rattle arbeiten musste, um "Petruschka" zusammenzuhalten. Auch bei den Berliner Philharmonikern war eine gewisse Anspannung zu spüren – dabei haben sie das Stück mehrmals auf Tournee gespielt. Erst der ruhige Schluss brachte eine gestaltete Klangkultur.

Man kann festhalten: Der neue Saal hat eine heikle Akustik. Sicher hat es sich gegenüber vorher verbessert, aber trotzdem ist das keine neue Philharmonie. Und wenn in der kommenden Woche beim Jubiläumskonzert 275 Jahre Staatsoper die Staatskapelle das bombatisch instrumentierte "Heldenleben" von Richard Strauss hier spielen will – das ist sicher keine gute Idee.

Entspannter Rachmaninow

Die Akustik bekommt der dritten Sinfonie von Sergej Rachmaninow deutlich besser. Da kann sich auch mal etwas mischen und verwischen. Das verträgt auch eine gewisse klangliche Dichte und Süffigkeit. Zunächst allerdings wurde aus Rachmaninow ein klischeehafter Wellness-Hollywood-Komponist und damit doch ein wenig unter Wert verkauft.

Dann allerdings kamen die Philharmoniker nicht nur mit der Akustik besser zurecht, sondern man spürte, wie das Werk auf der Tournee gewachsen war. Knapp vier Wochen zuvor in der Philharmonie hatte es eher Probencharakter – da stimmte so manches nicht. Jetzt hatte es eine angenehme Entspanntheit. Die Musiker kennen das Stück besser, und so konnte man sich richtig zurücklehnen und sich vom Schaumbad der Klänge tragen lassen. Auch Simon Rattle agierte hier viel gelassener. Und plötzlich stimmte auch die Balance. Das war am Ende eine richtig gute Aufführung.

Die Akustik – und die Bühnentechnik?

Nun kann man das Philharmoniker-Gastspiele in der Staatsoper nicht absolut setzen. Das ist das Haus der Staatskapelle, und die Staatskapelle wird darin häufig spielen und sicher bald gut auch gut damit zurechtkommen. Dass die akustischen Verhältnisse trotz der Verlängerung der Nachhallzeit alles andere als ideal sind, ist klar, auch wenn die Akustik zuletzt immer gerne mal in den Himmel gehoben wurde.

Mit der Akustik wird man umgehen können. Jetzt kommt es eher darauf an, dass die Bühnentechnik so weit ist, um die beiden anstehenden Opernpremieren über die Bühne gehen zu lassen. Das ist sicher eine Herausforderung.

Andreas Göbel, kulturradio

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