Komische Oper Berlin | Anatevka © Jan Windszus
Jan Windszus
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Komische Oper Berlin - "Anatevka"

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"Anatevka" oder "The Fiddler On The Roof": Mit dem Erfolgsmusical der 1970er Jahre gelangte Tewje, der Milchmann zu weltweitem Ruhm. Nach seiner gefeierten Inszenierung der "West Side Story" bringt Barrie Kosky nun "Anatevka" zurück auf die Bühne.

Um das 70-jährige Jubiliäum der Komischen Oper zu feiern, ist "Anatevka" ein gutes Stück. Es kreist um genau jene Auseinandersetzung (in diesem Fall: ein Hadern) mit der Tradition, aus der Barrie Kosky den größten Erfolg für sein Haus bezog (vor allem aus der Auseinandersetzung mit der Operetten-Tradition).

Außerdem stellt eine Neuproduktion von "Anatevka" einen schönen Gruß an die legendäre Vorgänger-Inszenierung des Gründers Walter Felsenstein dar. Dessen "Fiedler auf dem Dach" lief bis 1988 über 500 Mal und gewährte damals in der DDR einen raren Ausblick in die Welt des amerikanischen Musicals.

Komische Oper Berlin | Anatevka © Iko Freese/drama-berlin.de
Bild: Iko Freese / drama-berlin.de

Kosky hatte angekündigt, die 'wahre' Geschichte des jüdischen Schtetls zu erzählen – das keine rührende, nostalgische oder süßliche Sache war (so wie in der Hollywood-Verfilmung von "Anatevka"). Immerhin werden die russischen Bewohner der jüdischen Siedlung am Ende aus ihrem Dorf vertrieben – ein Vorschein späterer Pogrome. Vordergründig geht es um ein Paar Heiratsverwicklungen des mit Gott handelnden, mit sich handeln lassenden Milchmannes Tevje.

Ein Plot fast ohne jede Fallhöhe, weshalb ihn Kosky über weite Strecken wie "Lyrische Szenen", also wie eine jüdische Variante von "Eugen Onegin" inszeniert. Es handelt sich um eine sehr untypische Musical-Inszenierung, da sie weder lustig noch rührend ist. Über weite Strecken scheint man einer Modellinszenierung beizuwohnen, die in dieser Eigenschaft zwar erstaunlich locker bleibt, aber oft auch auf der Stelle tritt.

Komische Oper Berlin | Anatevka © Iko Freese/drama-berlin.de
Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Kosky hatte im Vorfeld auch behauptet, Dagmar Manzel sei froh, diesmal nicht die Hauptrolle stemmen zu müssen. (Wer’s ihr glaubt...) Feudelschwingend und mit Kopftuch mimt sie die Golde als eine Art jüdischer Mutter der Nation – und hält den Laden zusammen. Fast immer auf der Bühne: Max Hopp in der Bombenrolle des Tevje. Gesungen wird endlich mal wieder auf Deutsch (früher ein Markenzeichen des Hauses). Durch Mikroports kann man der Sache gut folgen.

Ich gestehe offen, dass ich den musikalischen Erfolg "Anatevkas" – trotz Anleihen des Komponisten Jerry Bock bei Kollegen wie Leonard Bernstein und Frederick Loewe – nie ganz verstanden habe. Auch jetzt noch verstehe ich ihn nicht. Die Eleganz der Bildfindungen Koskys halte ich für kongenial. Eine Aufführung indes, die – mit über 3½ Stunden Gesamtdauer – zu lang ist, ist irgendwie auch nicht fertig geworden.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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