Schlosspark Theater: Mosca und Volpone © DERDEHMEL/Urbschat
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Schlosspark Theater - "Mosca und Volpone"

Bewertung:

Volpone liegt im Sterben, zumindest lässt der vermeintlich reiche Venezianer das von seinem Diener Mosca in alle Richtungen verkünden. Und schon kommen sie, die Erbschleicher und bieten Volpone kostbarste Zuwendungen. Alle wollen sie erben und Volpone greift beherzt zu...

Nachdem beim großen Berliner Theatersterben in der Wendezeit auch dem Schlosspark Theater der staatliche Geldhahn zugedreht wurde, scheiterten zunächst alle Versuche, der Steglitzer Traditionsbühne neues Leben einzuhauchen. Erst seit Dieter Hallervorden sein privates Geld in die Renovierung steckte und 2009 das Haus neu eröffnete, ist es wieder zu einer festen Größe in der Berliner Theater-Landschaft geworden.

Natürlich lässt es sich Hausherr Hallervorden - der nebenher auch noch die "Wühlmäuse" leitet und in Film und Fernsehen auftritt - nicht nehmen, immer mal wieder selbst auf der Bühne zu stehen. So auch jetzt in der Inszenierung von "Mosca und Volpone", einer in der Tradition der commedia dell´ arte stehenden Komödie, die am Wochenende Premiere feierte. 

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Überdrehter Klamauk

Für sich reserviert hat Dieter Hallervorden die Rolle des umtriebigen, vorwitzigen und alle Fäden ziehenden Dieners Mosca, des zwielichtigen Dieners, der nur scheinbar im Sinne seines geldgeilen Herren Volpone handelt, in Wahrheit aber die ganze überkandidelte und verrückte, aus Lug und Betrug bestehende Intrige für sich ausnutzt und zum hinterhältigen Schluss als einziger Sieger das komödiantische Schlachtfeld verlässt, während alle anderen dumm dastehen und um ihr Vermögen gebracht sind.

Dass Didi Hallervorden viel mehr kann, als nur oberflächliche Witze zu reißen und ein blödes Gesicht zu machen, hat sich inzwischen herumgesprochen: für seine letzten Film-Rollen als Charakterdarsteller (einmal war er ein dubioser Kinderschänder, ein anderes Mal ein an Alzheimer erkrankter verzweifelter alter Mann) hat er einige wichtige Preise eingeheimsten können. Er staffiert seinen Diener "Mosca" (was so viel bedeutet wie "Fliege" oder besser: "Schmeissfliege") mit einem ambivalenten Schuss unterschwelliger existenzieller Verzweiflung aus, die bei aller frechen und lautstarken Blödelei immer wieder deutlich spürbar ist. Auch wenn Hallervorden das komödiantische Zentrum ist und alle anderen an die Wand spielen könnte, tut er es nicht, sondern lässt seinen Kollegen genügend Raum, sich komödiantisch zu entfalten und aus dem überdrehten Klamauk wenigsten ein bisschen sinnstiftenden theatralischen Honig zu saugen. 

Intrigenspiel

Die turbulente Farce hat schon einige Jahrhunderte auf dem Theater-Buckel und dabei mehrere Veränderungen und Modernisierungen durchlebt. Geschrieben hat die Komödie einst der Shakespeare-Zeitgenosse Ben Jonson, bearbeitet und sprachlich in den heutigen Alltagsjargon geholt hat sie dann Stefan Zweig, und jetzt hat sich noch einmal Regisseur Thomas Schendel darüber gebeugt und sich seine eigene Fassung gebastelt. Der vermeintlich reiche, in Wahrheit aber bettelarme Venezianer Volpone (der Fuchs) lässt von Diener Mosca das Gerücht streuen, er liege im Sterben, um so mit den habgierigen Erbschleichern sein närrisches Spiel treiben und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen zu können.

Pfandleiher Corbaccio (die Krähe), Kaufmann Corvino (der Rabe) und Notar Voltore (der Geier) umkreisen den vermeintlich Todgeweihten, schleimen sich bei ihm ein, bestechen und beschenken ihn, einer überlässt ihm sogar seine Gattin Colomba (die Taube), in der Hoffnung, der alte Griesgram möge beim Liebesspiel vor lauter Anstrengung endlich abkratzen. Aber es kommt natürlich ganz anders, und als das Intrigenspiel aufzufliegen droht, werden gleich mehrere Testamente verfasst, ein Todesfall vorgetäuscht und ein Finale erdacht, bei dem dann alle verlieren, nur eben einer nicht: Mosca, der alles einstreicht und alle anderen, die leer ausgehen, mit feistem Grinsen und guten Wünschen in die venezianische Nacht entlässt.

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Zotig

Regisseur Thomas Schendel inszeniert das venezianische Erbschleicher-Verwirrspiel als Spiel im Spiel: die Schauspieler mimen eine Theater-Wandertruppe, sie erscheinen in heutiger Alltagskleidung auf der leeren Bühne, im Schlepptau einen Theaterkarren, in dem sie Kostüme und Requisiten transportieren. Nachdem ihr Chef, Didi Hallervorden, mit dem Publikum ein bisschen herum geschäkert hat, beschließen sie, heute Abend die Komödie um "Mosca und Volpone" aufzuführen. Jeder klaubt sich schnell heraus, was er so im Kostüm-Fundus findet, Strumpfhosen, Turnschuhe, braune, schwarze, bunte Kleider, Hosenträger, Schlafmütze, Mantel und Degen; schon sind wir in einer fingierten, improvisierten, imaginierten Theaterwelt, die den menschlichen Schwächen und niederen Sünden - Neid, Gier, Geiz, Wollust - den vorwitzig-bitterbösen Spiegel vorhält.

Dass die Figuren nicht übers Klischee hinauskommen und jeder Mime sich ein, zwei Macken und Marotten zulegt, die er zigmal zeigt und gnadenlos beibehält: geschenkt. Dass aber die ganze Erbschleicherei und die Lust am Betrug mit einer Kanonade aus ziemlich dümmlichen Zoten verbunden wird, fand ich - im Gegensatz zum Großteil des Publikums - denn doch recht unangenehm und peinlich: Mir jedenfalls haben die Zoten den Abend ziemlich vermiest.  

Irritierend und rätselhaft

Es sind sexistische Sprüche, geifernde Altherren-Witze, demütigendes Macho-Gehabe, das Frauen erniedrigt und Frauen nur als billiges Opfer und williges Spielzeug männlicher Gelüste und Fantasien gelten lässt. Natürlich muss man das Stück im historischen Kontext betrachten, darf und soll es nicht zensieren, aber immerhin hat Regisseur Schendel den Text gerade noch einmal frisch überarbeitet und modernisiert. Da hätte man ein bisschen mehr Sorgfalt erwarten können oder zumindest eine kommentierende Meta-Ebene, um - in Zeiten von "MeToo" - den offenen Sexismus zu entlarven und zu entschärfen. Aber nichts da: Kurtisane Canina (Franziska Troegner) muss sich ständig begrapschen  und als "Kloake Venedigs" titulieren lassen, und die Kaufmanns-Gattin Colomba (Anja Gräfenstein) wird mit Gewalt dem lüstern lechzenden Volpone ins Lotterbett gelegt. In den Augen der Männer sind die Frauen zu nichts anderem gut, als ihnen Freude zu schenken, und die Frauen lassen es widerspruchslos geschehen, um des vergifteten Scheinfriedens willen und um auch etwas vom Kuchen des vermeintlichen Reichtums abzubekommen.

Besonders irritierend und für mich rätselhaft war, dass bei diesen aus der Zeit gefallenen sexistischen Zoten die Frauen im Publikum besonders laut gelacht haben. Von des Gedankens Blässe ist der Abend nicht angekränkelt, und von einer aktuellen Kommentierung des überalterten Komödienstadels ist keine Rede. Schade auch, dass die schöne Eingangs-Idee sich zum Schluss nicht rundet: die Schauspieler bleiben in ihren venezianisch-zeitlosen Fantasie-Kostümen und ihrem ranzigen Humor stecken, statt den ganzen Krempel wieder in den Theaterkarren zu packen und sich, vielleicht mit dem ironischem Grinsen, aus dem Theater-Staub zu machen und sich des Weges zu trollen. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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