Volksbühne: "Women in Trouble", © Julian Roeder
Volksbühne Berlin
Bild: Volksbühne Berlin Download (mp3, 5 MB)

Bühne - Volksbühne: "Women in Trouble"

Bewertung:

Als Chris Dercon vor zwei Jahren sein Team für die Volksbühne präsentierte, ließ ein Name aufhorchen: Susanne Kennedy.

Die Regisseurin ist – zwischen Choreografen und Filmemachern – die einzige gelernte Theatermacherin im Künstlerischen Leitungsteam, oder Programmbeirat, wie es an der Volksbühne heißt. Bekannt wurde sie mit formstrengen Arbeiten, die sich an der Grenze zur Bildenden Kunst bewegen.

Ihre erste Arbeit an der Volksbühne heißt "Women in Trouble". Es ist, nach der Eröffnung durch Tino Seghal und Walter Asmus, die zweite Premiere im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz. Und nach der missglückten Eröffnung ist der Abend auf jeden Fall ein deutlicher Schritt nach vorn.

Es ist ein Abend, der die Zuschauer spaltet. Die Inszenierungen von Susanne Kennedy sind sehr hermetisch. Man muss sich darauf einlassen; auch darauf, dass es nicht um Handlung geht, sondern um Zustände. Wenn man als Zuschauer atmosphärisch nicht eintauchen kann, wirkt es schnell hohl und kunstgewerblich. Wenn man sich aber auf das Geschehen einlässt, hat der Abend eine fast hypnotische Wirkung.

Zwischen Krematorium und Scientology-Zentrale

Das Grundprinzip des Abends ist die Wiederholung. Zu sehen ist die Drehbühne, die provozierend langsam ihre Runden dreht. Sie gibt den Blick frei auf verschiedene Räume, die auf merkwürdige Weise klinisch und kitschig zugleich sind, mit einer futuristischen Anmutung. Ein Ort, irgendwo zwischen Krematorium, Scientology-Zentrale und Wellness-Tempel.

Die Bühne, entworfen von Lena Newton, verändert sich permanent minimal. Aus den Äpfeln in einer Obstschale werden zum Beispiel Tomaten. Es sind Irritationen, kleine Verschiebungen, die die Wahrnehmung stören. Visuell ist das faszinierend.

Dazu ertönt belanglose Musik, wie man sie von diesen Nicht-Orten wie Hotellobbys kennt. Aber wie bei Minimal music sind es kleinste Patterns von nur wenigen Takten, die stetig wiederholt werden und sich im Ohr festsetzen.

Volksbühne: "Women in Trouble", © Julian Roeder
Volksbühne: "Women in Trouble", © Julian Roeder

Ferngesteuerte Zombies

Das Ganze gleicht einer Installation, allerdings mit Schauspielern. Die sieben Darsteller sind – wie meist bei Susanne Kennedy – stark verfremdet. Sie tragen Latexmasken, statt Mimik sind also ausdruckslose Gesichter zu sehen. Und sie sind stumm. Sie bewegen zwar die Lippen, aber der Text kommt als Playback vom Band.

Es gibt so eine permanente Schere zwischen Körper und Sprache. Das, was normalerweise in der Kombination die Identität eines Menschen ausmacht, wird hier dissoziiert. Die Figuren wirken wie ferngesteuerte Zombies. Oder wie Figuren aus Computerspielen.

Es geht um eine Schauspielerin, Angelina Dreem, die Krebs hat. Sie spielt in einer Fernsehsoap mit, die ihr Leiden zum Thema macht. Realität und Fiktion überlagern sich und werden eins. Doppelt und dreifach ist die Frau im Allerweltslook – braune Haaren, weißes T-Shirt, Jeans – zu sehen, als Klon ihrer selbst. Es geht ums Sterben, um die Frage, was nach dem Tod kommt – aber auch um ihre verschiedenen Rollen als Frau; als Schauspielerin, Tochter, Geliebte.

Beipackzettel und Werbesprache

Den Text hat Susanne Kennedy gemeinsam mit zwei der Schauspielerinnen, Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schroot, geschrieben. Gesprochen wird Englisch, mit deutschen Übertiteln. Er ist ein Sample aus Filmzitaten - aus John Cassavetes-Film "Opening night" -, Theatertheorie von Antonin Artaud, Beipackzetteln und Werbetexten.

Eigentlich geht es an diesem Abend um Heilsversprechen. Um Menschen, die Erleichterung oder Erlösung suchen. Und dabei nur leere Versprechungen finden: egal ob beim Arzt oder im Ratgeberbuch, in der Shoppingmall oder beim Yoga, in der Kunst oder Kirche.

Diese nicht erfüllten Erlösungsversprechen, umkreist Kennedy ritualhaft und fast tranceartig: Eine Imitation der Suchbewegungen, die ins Leere laufen.

Heraus kommt ein beeindruckender Abend, der einen eigenen Sog entwickelt. Manches wäre verzichtbar gewesen, der theatertheoretische Überbau zum Beispiel oder ein Zitat von Christoph Schlingensief. Das ist wohl dem Versuch geschuldet, sich mit diesem Haus und seiner Tradition auseinanderzusetzen.

Aber bei aller Künstlichkeit stellt der Abend sehr menschliche Fragen. Und ist am Ende ein bildgewaltiges Requiem der Sinnsuche. Solche Inszenierungen an der Schnittstelle von Bildender Kunst und Theater könnten eine Stärke dieser neuen Volksbühne werden.

Mounia Meiborg, kulturradio

Weitere Rezensionen

Berliner Ensemble: Die letzte Station
Berliner Ensemble; © Armin Smailovic

Berliner Ensemble - "Die letzte Station"

Wenn man ehrlich wäre, sagt der Regisseur Ersan Mondtag, dann würde man alte Menschen, die man in Heimen "verrotten" lasse, erschießen – mit Sätzen wie diesen polarisiert der Berliner, selbst gerade einmal 30, gern.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
"Fever Room" von Apichatpong Weerasethakul
Volksbühne Berlin, © Kick the Machine Films

Volksbühne Berlin - "Fever Room"

In der Bildenden Kunst und im Kino gilt er längst als Star, jetzt müssen auch Theatergänger einen neuen Namen lernen: Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul ist mit "Fever Room" zum ersten Mal im Theater zu sehen.

Bewertung:
DT Berlin | Die Zofen: Samuel Finzi und Wolfram Koch © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater - "Die Zofen"

"Die Zofen sind Ungeheuer wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen", schrieb Jean Genet über Claire und Solange. Die beiden sind Angestellte der Gnädigen Frau. Und ist die aus dem Haus, beginnt das perfide Spiel der Zofen. Ein Schauspielerfest!

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: