Staatsoper Unter den Linden Berlin: L'Etoile mit Magdalena Kozena als Lazuli, Premiere vom 16.05.2010; © imago/DRAMA-Berlin.de
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Staatsoper Unter den Linden - "L'Etoile"

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Die letzte Premiere vor dem Umbau: Nach dem fulminanten Publikums-Erfolg von Emmanuel Chabriers Opéra bouffe "L'Etoile" ("Der Stern") zu urteilen, könnte hier eine ganze Gattung vor der Wiederentdeckung stehen.

Nach dem fulminanten Publikums-Erfolg von Emmanuel Chabriers Opéra bouffe "L'Etoile" ("Der Stern") zu urteilen, könnte hier eine ganze Gattung vor der Wiederentdeckung stehen. Dabei verhilft Simon Rattle am Pult der Staatskapelle einem tragischen Fall der Musikgeschichte auf die vorwitzigen Sprünge: Chabrier starb mit 53 Jahren enttäuscht, verarmt und nach aufzehrend langer Krankheit. Selbst sein Erstlingserfolg "L'Etoile" (1877) wäre heute wohl vergessen, hätte sich nicht der Dirigent John Eliot Gardiner vielfach dafür eingesetzt (zuletzt in Paris und Zürich).

Die Handlung um das schlimme Märchenreich des Königs Ouf I., der zur Gaudi seines Volkes jedes Jahr eine öffentliche Hinrichtung veranstaltet – was die Sterne diesmal zu verhindern drohen – lässt an kritischer Deftigkeit nichts zu wünschen übrig. Angesiedelt irgendwo zwischen den 120 Tagen von Sodom und Frau Luna, fügt sich Chabrier musikgeschichtlich in die Lücke zwischen Offenbach und Wagner. Etliche Leitmotive sind bei ihm auf der Suche nach Bedeutung. Vergeblich. Ein Meisterwerk!

Simon Rattle dirigiert superb

Keine Frage, dass "L'Etoile" (nach seiner Berliner Erstaufführung im Jahr 1878) kaum je wieder auf eine Berliner Opernbühne zurückgefunden hätte, wäre es nicht ins Rollen-Fahndungsraster der Mezzo-Sopranistin Magdalena Kozena geraten. Und ohne sie wäre auch wohl ihr Ehemann Simon Rattle kaum auf den derben Nonsense verfallen. Dabei dirigiert Rattle superb. Nicht nur, dass es schön ist, mal einen anderen Spitzendirigenten am Pult der (sonst Barenboim gehörenden) Staatskapelle zu erleben, bei dem das Orchester viel ebenmäßiger und transparenter klingt. Rattle dirigiert süffig, lässig und pointiert wie selten. Große Klasse.

Kurios nur, dass man ausgerechnet Magdalena Kožená vorwerfen könnte, dass sie die stimmliche Tiefe nicht hat, dass auch die Spitzentöne ein wenig trocken klingen, und dass sie nicht breakdancen und beim Singen auch nicht niesen kann, wie das von ihr verlangt wird. In der Hosenrolle des clochardhaften Straßenhändlers Lazuli bildet sie dennoch, dank Gold in der Mittel-Kehle, ein schillerndes Zentrum der flippigen Kolportage. (Im 1. Akt könnte sie übrigens jeden Jude Law-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen.)

"L'Etoile" ist Ensemble-, kein Star-Theater, aber gerade die Anwesenheit von Superstars sorgt dafür, dass bis in die letzten Reihen typgecastet wurde. Stella Doufexis (Aloès) hat man lange nicht so gelöst gesehen. Juanita Lascarro als Prinzessin Laoula gibt ihr überfälliges Staatsopern-Debüt.

Komisches Epizentrum indes bleibt der grandiose Jean-Paul Fouchécourt als Ouf. Bekannt aus hundert Opern-Gesamtaufnahmen (aber zumeist als Kleindarsteller), nutzt er die Chance, indem er Pointen auf der Fingerspitze balanciert und seinen hühnchenhellen Tenor-Kamm anschwellen lässt, dass man herausprustet im Parkett: eine royale Mixtur aus Gerhard Schröder und Louis de Funès. Unbekannt war, dass beide so nahe beieinander liegen.

Regisseur Dale Duesing, früher bekannt als Reise-Alberich vom Dienst (so bei Rattles "Ring" in Aix-en-Provence und Salzburg) verfrachtet die Handlung ins "Hotel L'Etoile". Und lässt's als "Menschen im Hotel" spielen. Ein harmloser Regie-Trick, der allerdings zielsicher die Pointen freisetzt. Das gesamte Bühnenbild (Boris Kudlicka) ist ein Fahrstuhl, der langsam rauf- und runterfahren kann. Allein wie viel hier herumgeräumt wird, auf dass alles wieder genau so aussieht wie im Bild zuvor, ist einen Lacher wert. Die Aufführung ist eine Wonne. Und damit Höhepunkt der ganzen bisherigen Opern-Saison.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio