
Bewertung: ![]()
Seit der Geigenpunk Nigel Kennedy sich der „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi angenommen hat, ist dieser populärste aller Konzertzyklen zur Knetmasse der Interpreten geworden. Um in der Unzahl der Einspielungen nicht unterzugehen, muss man schon zu drastischen Maßnahmen greifen. Und warum auch nicht? Die Musik ist schließlich so bekannt, dass sie hinter jeder Verzerrung erkennbar ist, und vielleicht fördert die Verzerrung auch Dinge zutage, die anders nicht mehr zu erkennen sind.
Spannende Veränderungen
Die Aufnahme des spanischen Ensembles Forma Antiqua, geleitet von Aarón Zapico und mit Aitor Hevia als Solist, ist in vieler Hinsicht extrem. Sie verändert Tempi, Lautstärken, Klänge nach Belieben. Die Absicht, es anders zu machen, ist unverkennbar, und übertrifft noch einmal die bereits sehr eigenwillige Aufnahme der Berliner Akademie für Alte Musik mit Midori Seiler. Für den Hörer ist das zunächst eine spannende Sache: Was mag den Musikern im nächsten Moment einfallen? Und ihnen fällt viel ein, die Überraschung ist immer auf ihrer Seite. Sei es, dass sie dem Hörer durch Tempowechsel und überraschende Pausen die Möglichkeit nehmen, sich auf die Musik einzuschwingen. Sei es, dass etwa der Gewittersatz aus dem „Sommer“ verblüffend im piano beginnt oder sich die Vogelpassage im ersten Satz des „Frühlings“ nach Art Mahlerscher Naturlaute ohne Rücksicht aufs Tempo frei entfaltet, dass man in der Jagdszene im dritten Satz des „Herbstes“ tatsächlich die Schüsse zu hören glaubt.
Stillleben
Man mag sich dennoch fragen, was denn der leitende Gedanke, die zentrale poetische Idee hinter all diesen Maßnahmen ist. Das liebe- und fantasievolle Ausmalen von Details, die Betonung des nachahmenden Moments geht auf Kosten musikalischer Geschlossenheit, Vitalität zuckt jeweils von Augenblick zu Augenblick in die Musik, trägt nicht das Ganze. Vivaldis Darstellung von Leben und Natur gerät unter diesem interpretatorischen Blick zum Stillleben nebeneinander gestellter Tiere, Bäche, Himmel, Jäger, gefrorener Seen – und Stillleben zielten ja bekanntlich auf die Vergänglichkeit des Lebens, nicht auf seine ewige Zyklen.
Virtuoses Mißverständnis
Mag diese Interpretation ein Missverständnis sein, so doch ein enorm virtuoses und immer interessantes. Weniger interessant sind die Zugaben, die der CD ein unübersehbares Alleinstellungsmerkmal verschaffen sollen: Der Jazzmusiker und Klassik-Dekonstruktivist Uri Caine hat zusammen mit Theo Bleckmann die vier Sonette, die Vivaldi seinen Konzerten vorangestellt hat, auf englisch vertont und versucht, den Jahreszeiten einen zeitgenössischen Klang zu geben. Leider ist dieser auf eine sehr naheliegende Art „poetisch“ – im Frühling perlt das Klavier, im Winter pfeift der Wind – und musikalisch eher unverbindlich geformt. Das mal elektronische, mal jazzige Stilgewand bezieht gegenüber Vivaldi keine geschlossene Position, es entsteht also nicht einmal ein fasslicher Kontrast. Beim Hören der CD kann man diese vier Nummern getrost überspringen – dann ist sie faszinierend.
Peter Uehling, kulturradio