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Ungewöhnlich ist es, aber nicht erstmalig geschieht es, dass mit Andreas Scholl ein Countertenor Solo-Kantaten von Johann Sebastian Bach auf CD singt. (James Bowman und René Jacobs haben es ihm vorgetan.) Die Solo-Kantate „Ich habe genug“ war früher ein Parade-Stück von Bass-Baritonen wie Dietrich Fischer-Dieskau bis Thomas Quasthoff.
Auf der Höhe seines Könnens
Scholl, der wohl stimmschönste Countertenor der Gegenwart, singt daneben die Kantate „Gott soll allein mein Herze haben“ mit ausgeglichen weicher, warmer Tongebung, der man nicht anmerkt, dass Andreas Scholl inzwischen auch schon 20 Jahre lang im Geschäft ist. Noch immer auf der Höhe seines Könnens (nur im unteren Register kündigt sich ein leichter Bruch an), hat Scholl freilich eine dramaturgisch erratische Auswahl einzelner Arien aus weiteren Kantaten von Bach hinzugefügt.
Königlich
Wie sich das zweiminütige Rezitativ „Der Schluss ist schon gemacht“ aus der Kantate „Komm du süße Todesstunde“ auf das Album verirrt hat, ist mir musikalisch eher unerfindlich. Ähnliches gilt für die eineinhalbminütige Sinfonia zu „Nach dir, Herr, verlanget mich“ BWV 150 – obwohl sämtliche Titel die christlich-barocke Todesbereitschaft auf beherzte Gottessehnsucht zurückführen.
Das Basler Kammerorchester, das in den letzten Jahren einen schönen Aufschwung genommen hat, begleitet mit lässig-porösem Klangbild. Auf die Dauer kann ein etwas begrenztes Ausdrucks- und Gestaltungsspektrum des Sängers ein gewisses Ermüden mit sich bringen. Trotzdem: Scholl ist zurück in seinem Kernrepertoire. Und dort König.
Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio