
David Geringas ist eine Cello-Kapazität erster Güte. In Litauen geboren, gehört er als Schüler von Msistislaw Rostropowitsch zu den russisch geprägten Musikern, die allerhöchste Virtuosität mit emotionaler Kraft verbinden. Er ist Professor in Berlin mit Meisterkursen in der ganzen Welt, Absolventen seiner Klasse sind inzwischen selbst berühmt wie Johannes Moser und Sol Gabetta. Mit vielen Komponisten hat er zusammengearbeitet und das Repertoire durch unzählige Uraufführungen erweitert.
Die sechs Suiten, die Bach für das unbegleitete Cello komponiert hat, gehören zum täglichen Brot der Cellisten. Mit einer einzigen Stimme hat Bach einen ganzen Kosmos aufgebaut. Äußerlich sind es lauter kurze Tanzsätze, innerlich sind es Kunststücke des virtuellen Kontrapunkts. Den Melodien ist ihre eigene Begleitung eingeschrieben.
Zu viel Zauber
Dutzende von Aufnahmen der Cellosuiten gibt es auf dem Markt. Geringas hat auch schon zwei Mal den Zyklus aufgenommen. Seine Neuaufnahme lässt zunächst einmal zwischen den Suiten aufhorchen: Als Einleitung und Zwischenspiele setzt Geringas kleine Stücke moderner Komponisten. Damit öffnet er die Ohren und zeigt auch, woher sein Interpretationsansatz kommt. Klangliche Aufspreizung und emotionale Aufladung sind seine Stärke – in jeder noch so kleinen Miniatur lässt er einen breiten Klangraum entstehen vom leisen Hauch bis zum kräftigen Gebrumm. Die modernen Einsprengsel fordern das in großem Maß. Bei Bach bekommt das den robusteren Tanzsätzen auch sehr gut, hier fördert das Temperament von Geringas eine energievolle Darstellung. Die Gleichzeitigkeit von Melodie und Begleitung wird weit aufgefächert. Bei den leisen, elegant schreitenden Sarabanden führt das betonte Ausmusizieren aber zu Übertreibungen. Der Lehrer Geringas zeigt, was er alles auf dem Cello zaubern kann, manchmal zaubert er aber zu viel.
Die kurzen Zwischenspiele regen die Ohren angenehm an. Sie sind aber von sehr unterschiedlicher Qualität. Gelegenheits-Miniaturen von Geringas selbst oder von befreundeten Komponisten dienen eher zur Auflockerung, substanzielleres kommt nur von Ernst Krenek.
David Geringas hat die sechs Suiten auf drei verschiedenen Instrumenten aufgenommen, begründet seine Wahl aber nur bei dem fünfsaitigen Cello für die 6. Suite. Vielleicht liegt es auch daran, dass Aufnahmen aus den Jahren 2000 und 2011 kombiniert wurden. Wie und warum, ist leider nicht aufgeschlüsselt.
Dirk Hühner, kulturradio