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Wenn man heute als Betreiber eines Klassik-Labels eine neue CD veröffentlichen möchte, kann man zwei radikal unterschiedliche Wege beschreiten (freilich einschließlich vieler Zwischenstufen): Man kann ein Werk des klassisch-romantischen Standardrepertoires auswählen, einen Interpreten engagieren, den die Industrie erfolgreich zu einem Star hochgejubelt hat, aus Kostengründen den editorischen Aufwand auf ein Minimum beschränken und dann – mehr oder weniger erfolglos – auf hohe Umsatzzahlen hoffen. Oder man entscheidet sich für (vermeintlich) randständiges Repertoire aus der älteren Musikgeschichte, dessen ästhetische Qualität und musikgeschichtliche Bedeutung jedoch außer Frage steht, engagiert einen Interpreten, der es geistig und spieltechnisch durchdrungen hat und krönt das Projekt durch eine höchst aufwendige Edition mit Text- und Bildmaterial.
Zu den Anfängen des Cellos
Die vorliegende repräsentiert die letztere Art und ist wahrhaft ein Ohren- und Augenschmaus – darüber hinaus befriedigt sie das menschlich-kreatürliche Interesse für neue Musik! »Die vorliegende Aufnahme lädt uns zu einer Reise in die Vergangenheit ein, zu den Anfängen des Cellos und seines Repertoires. Die Reise beginnt Ende des 17. Jahrhunderts in Bologna. Dort werden Darmsaiten aus Schaf- oder Ochsendarm zum ersten Mal mit Metallfäden aus Kupfer oder Silber umsponnen. Dadurch werden die Saiten schwerer, ihre Struktur verdichtet sich, und sie kön-nen nun sowohl kürzer als auch von geringerem Durchmesser sein, als die nicht umsponnenen Darmsaiten«, so leitet Bruno Cocset – gewiss einer der führenden Barockcellisten – sein neuestes Projekt ein.
Il Minghino del Violoncello
Die Bass-Instrumente der Violinfamilie, die sich bereits in der Renaissance herausbildete, werden kleiner, melodisch beweglicher und dazu befähigt, solistische Aufgaben zu übernehmen. Und sie "nehmen Besitz" von bereits zwei existierenden Gattungen, dem unbegleiteten, aus der Improvisation entstandenen Ricercar und der mehrsätzigen Sonate (Cello plus Basso continuo). Der bedeutendste Violoncello-Komponist »der ersten Stunde« war Domenico Gabrielli (1659–1690), genannt »Il Minghino del Violoncello«. In Bologna wirkt er seit 1680 als Cellist in der Capella von San Petronio und wird Vorsitzender der Accedemia Filharmonica, woraus allein seine überaus hohe musikgeschichtliche Bedeutung erhellt. 1687 wechselt er an den Hof der Este in Modena, wo er die ersten Solostücke für Violoncello überhaupt veröffentlicht.
Von Anbeginn vollendete Kunstwerke
Für seine Einspielung wählt Cocset sieben unterschiedliche Instrumente in Tenor-Basslage und in unterschiedlicher Stimmung, die ihrerseits optimal mit den Kompositionen korrespondieren, wobei ihm Ton für Ton der Nachweis gelingt, dass diese Kompositionen aus der Gründerzeit der Musik für Solo-Violoncello bereits vollendete Kunstwerke darstellen. Bei sämtlichen Instrumenten handelt es sich um Kopien von historischen Vorlagen aus der Werkstatt von Charles Riché. Das umfangreiche Bildmaterial im großformatigen Booklet erlaubt uns einen faszinierenden Einblick in seine Werkstatt. Ohne dass zusätzliche Erklärungen notwendig wären, kann man die verschiedenen Baustufen eines Violoncellos nachvollziehen und den Blick auf instrumentenbauliche Details werfen.
Mit dieser Edition präsentiert sich das französische Label Agogique erstmals auf dem deutschen Markt. Auf weitere Veröffentlichungen von dieser exquisiten Art kann man nur gespannt sein.
Bernhard Morbach, kulturradio