Indian Ragas & Medieval Songs (Montage rbb)

Do 02.02.2012

CD

Indian Ragas & Medieval Songs

Bewertung: großartig

"Die europäische Kunstmusik des Mittelalters, scheinbar entrückt und nur noch über schriftliche Zeugnisse erschließbar, hat klar erkennbare Wurzeln in östlichen Traditionen. Obwohl die Tonsysteme verschieden sind (vereinfacht gesprochen: sieben Ganz- und Halbtonschritte in der westlichen Musik gegenüber Mikrointervallen und Tongruppen in der indischen Musik), lassen sich gemeinsame Merkmale im Hinblick auf die musikalische Gestaltung feststellen. […] Mit den tonartlichen Modi haben haben beide Traditionen eine vergleichbare Grundlage, die für unsere Programmkonzeption leitend war. [Wobei der Modus] auch die ›Physiognomie‹ einer Melodiefamilie prägt."
Dominique Vellard, als Sänger und als Musikologe gleichermaßen brillant, vermag im Beiheft höchst anschaulich und allgemein Verständlich das Wesen der westlichen und der östlichen Musik und die Möglichkeiten ihres Dialogs zu erschließen. Dass dieser auf der vorliegenden CD aber so überzeugend und faszinierend funktioniert, ist letztlich Ken Zuckerman geschuldet, denn er ist in beiden Welten zuhause.

Sola la musica

In den USA gebürtig, hat er 30 Jahre bei dem berühmten Meister Ali Akbar Khan studiert. Er ist aber nicht nur einer der besten gegenwärtigen Sarod-Virtuosen, sondern auch ein Meister der mittelalterlichen Laute. Zuckerman unterrichtet unter anderem an der Musik-Akademie Basel klassische nordindische und mittelalterliche Musik. Die vorliegende CD ist die zweite gleichen Inhalts, die er mit seinem Basler Kollegen Dominique Vellard realisiert hat. Vellard ist gewiss einer der hochkarätigsten Experten in Sachen geistlicher und weltlicher Vokalmusik des Mittelalters – aber auch weit über diese Epoche hinaus orientiert und aufführungspraktisch erfahren. Seit einiger Zeit erscheint nun die CD-Edition der Schola Cantorum Basiliensis bei Glossa. Obligatorisch bei der SCB-Reihe ist ein ausführlicher Kommentar. Aber man kann als Hörer bei allen CDs schlicht nach dem Prinzip »sola la musica« verfahren. Vielleichte sollte diese »Näherungsweise« bei der vorliegenden sogar die primäre sein.

Gegensätze

So sehr man spontan das verbindende Element der Modalität empfindet, so elementar ist der Kontrast zwischen dem kompositorischen Gefüge der westlichen und der improvisatorischen Anlage der östlichen Musik, wobei einem »nonverbal« vermittelt wird, das durch die Notenschrift grundsätzlich eine affektive Reduktion des musikalischen Ausdrucks erzwungen wird: der hohe Preis für ein höheres Maß an intellektueller Kontrollierbarkeit von Musik!
Bernhard Morbach, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/cd/2012/indian_ragas___medieval.html

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