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Wenn man bedenkt, dass der in Berlin lebende Cellist Johannes Moser trotz seiner erst 32 Jahre hier inzwischen seine elfte CD veröffentlicht (Zählung nach seiner Homepage), mag man sich wundern. Das ist fast mehr als, ich schätze: Boris Pergamenschikow oder Gregor Piatigorsky in ihrem ganzen Leben aufgenommen haben. Bei schwindenden Verkaufszahlen kann man daran nicht zuletzt die gewandelte Funktion heutiger CDs ablesen: Sie sind weniger direkte Einkunftsquelle, sondern vielmehr prestigereiche Visitenkarten für die Künstler – und Signierunterlagen für die Autogrammstunde danach.
Leicht dogmatischer Ton
Sowohl von 1. Cello-Konzert von Dimitri Schostakowitsch (einem seiner meisteingespielten Werke) als auch von Brittens Cello Symphony existieren Referenzaufnahmen von Mstislav Rostropowitisch; darüber hinaus Aufnahmen zahlreicher Interpreten von Pieter Wispelwey bis zu Yo-Yo Ma und Truls Mork (Britten). Beides sind großartige Werke mit Bewährungsproben für virtuos aufgelegte Interpreten. Die technische Souveränität von Johannes Moser ebenso wie des vorzüglichen Pietari Inkinen am Pult des WDR-Symphonieorchesters steht außer Frage. Stören könnte man sich an der etwas eingeebneten Modernität der Darstellung. So wird der Charakter von Schostakowitschs aggressiven Klagegesängen, also der trauernde, drängende und verarbeitende Zug seiner Werke hintangestellt zugunsten eines insistierenden, festhaltenden, ja leicht dogmatischen Tons.
Zeitweilig erinnert das eher an die Tradition der Minimal Music – interessant, aber vielleicht auch anfechtbar. Für Britten scheint der mit ebenmäßig ausgeglättetem, beinahe vernünftigem Ton spielende Moser besser prädisponiert. Man wird bei ihm niemals Gefühlsexzesse, hässliche Töne oder maßlose Rubati finden. Er strahlt in allem, was er tut, etwas vom Selfmade-Star aus, der die Regeln seiner Kunst (und seines Geschäfts) perfekt beherrscht. Sarkastischer ausgedrückt: Mir präsentiert er sich auf die Dauer etwas zu sehr als ständiger ‚Schwiegersohn in spe’ – musikalisch gesehen! Ein Über-die-Stränge-Schlagen ist ihm kaum zuzutrauen. Was Vorteile hat. Aber was diesen Künstler auch limitiert.
Ausgefeilte Stimmenarbeit
Dirigent Pietari Inkinen (31), sonst Chef des New Zealand Symphony Orchestra, berechtigt zu guten Hoffnungen. Er setzt auf ausgefeilte und präzise Stimmenarbeit; auf den ‚letzten Schliff’. Die finsteren Farben Schostakowitschs liegen dem WDR-Sinfonieorchester zwar weniger (ein Problem der meisten Rundfunkorchester); wie überhaupt hier eine eher optimistische Lesart bestimmend scheint. Erfreulich das alles, aber nicht epochal. Am 5. Februar übrigens wird Johannes Moser das 1. Schostakowitsch-Konzert in der Philharmonie spielen – dann mit dem (zu Finsternissen wohl besser aufgelegten) RSB unter Leitung von Vasily Sinaisky.
Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio