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Joshua Bell, zurzeit der wohl erfolgreichste amerikanische Geiger neben Sarah Chang und Midori (die zumindest in Los Angeles lebt), wurde bekannt durch einen modern entschlackten Geigenton – mit deliziös eingedämmtem Vibrato, schöner Direktheit und einem nie verfetteten Gefühlsausdruck.
Er war der perfekte Ausdruck der ‚Generation Diätwahn’ (oder Workout). Zugleich geborener Schwiegersohn und Teenie-Schwarm noch dazu, was durch Mittelscheitel und Ponyhof-Frisur bis heute für starken Andrang bei seinen Konzerten sorgt. Keine Frage freilich: Joshua Bell ist nicht nur der seriösere Vorläufer von David Garrett, bevor es David Garrett gab. Ich habe in Berlin, wo er schon oft konzertierte, kaum je ein schlechtes Konzert mit ihm erlebt.
Klingt irgendwie nett
Eine CD mit den etwas generös zusammengezwungenen Sonaten von Saint-Saens (Nr. 1), Franck und Ravel war – bei der guten Nachfrage, deren sich Bell erfreut – mithin ein willkommener (und nicht zu teurer) Anlass, um zu zeigen, dass man noch am Ball ist. Leider indes so, dass die Unterschiede der sehr verschiedenen Werke – zwischen salonhafter Romantik, naturemphatischem Impressionismus und Ravel –allzu wohlfeil eingeebnet scheinen.
Alles klingt irgendwie nett, wohlerzogen und leicht distanziert: komfortabel wie die Flughaften-Lounges internationaler Business-Klassen. Da Joshua Bell zudem der Schwäche vieler Geiger erliegt, keinen ebenbürtigen Partner zu wählen (ist auch billiger so), ist eine CD entstanden, die man in früheren Zeiten seinen Superstars ohne weiteres abgenommen hätte. Heute eher nicht mehr. Zumal die große französische Tradition – verkörpert durch sehr heterogene Geiger von Jacques Thibaud bis Ginette Neveu – heute bis auf wenige Ausnahmen schmerzlich abgerissen scheint. Alle wollen alles spielen. Doch so klingt es dann auch.
Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio