Massenet-Box (Montage rbb)

Fr 08.06.2012

CD

Jules Massenet: Gesammelte Werke

Er hat den Soundtrack der Belle Epoque komponiert: Jules Massenet, geboren 1842 in der Auvergne, gestorben 1912 in Paris. Zum 100. Todestag widmet die Decca dem großen Frauenversteher der französischen Oper eine 23-CD-Box mit Referenzaufnahmen seiner wichtigsten Werke.

Bewertung: gelungen

Die meisten Einspielungen stammen aus den 70er Jahren, als der Komponist nach mehreren Jahrzehnten der Missachtung endlich wiederentdeckt wurde - vor allem von Sängerinnen, denen er so viele dankbare Rollen geschrieben hat. Beverly Sills singt an der Seite von Nicolai Gedda in der mitreißenden „Manon“ von 1970, Frederica von Stade ist eine sanfte Charlotte neben dem leidenschaftlichen José Carreras im „Werther“ von 1980. Renée Fleming lässt sich in der „Thais“ von 1998 durch Thomas Hampson auf den Pfad der Tugend zurückführen: von der Kurtisane zur Braut Jesu. Régine Crespin wiederum gibt eine sehr reife Dulcinée im „Don Quichotte“ von 1978, mit Nicolai Ghiaurov als anrührendem Ritter vom der traurigen Gestalt.

Gelungen
Seit Jahrzehnten engagiert sich der australische Dirigent Richard Bonygne für das Ouevre Massenets. Unter seiner Leitung entstanden dann auch fast die Hälfte der Aufnahmen dieser Box. Mit seiner Ehefrau Joan Sutherland sind ihm vor allem zwei klanglich prachtvolle Ersteinspielungen gelungen: „Le Roi de Lahore“, eine grand opéra, die im alten Indien spielt und mit der Massenet 1877 schlagartig berühmt wurde, sowie „Esclarmonde“, eine Spektakeloper, die man bei der Pariser Weltausstellung von 1889 als zweite große Attraktion neben dem Eiffelturm feierte.

Repräsentativ
Das mittelalterliche Mysterienspiel „Le Jongleur de Notre Dame“ (in einer Aufnahme von 2007 mit Roberto Alagna) sowie das in den Wirren der französischen Revolution spielende Kurzdrama „Thérèse“ (1973 eingespielt) sind weitere Beispiele für die stilistische Vielseitigkeit Massenet. Weil auch Instrumentalstücke (wie die berühmt-berüchtigte „Méditation“), Ouvertüren, Ballettmusiken und Lieder nicht fehlen, entsteht ein repräsentativer Werküberblick. Und sogar die Tanz-Version der „Manon“, die Leighton Lucas Mitte der 1980er für das Londoner Ballett aus diversen Stücken Massenets kompiliert hat, fehlt nicht.

Beklagenswerte Aufmachung
So lobenswert es ist, dass die Decca (als einzige Plattenfirma!) eine große Hommage anlässlich des 100. Todestages veröffentlicht: Ein wenig mehr Mühe hätte man sich mit der optischen Gestaltung der 23-CD-Box schon geben können. Gerade bei einem Künstler, der für Oberflächenreize so empfänglich war wie Massenet. Bei den Uraufführungen seiner Opern wollte er nicht nur in Besetzungsfragen mitreden, sondern interessierte sich stets auch en détail für alle Aspekte der Bühnenpräsentation von der Ausstattung über die Kostüme bis hin zur Inszenierung. Ja, er gehört sogar zu den ersten Komponisten, die sich mit den Werbemöglichkeiten per Plakat auseinandergesetzt haben.

Für eine Antik-Optik der CD-Hüllen hat sich nun die Decca entschieden: Es soll wohl wie historisches Pergament aussehen, wirkt aber leider nur schmutzig braun. Auf der Vorderseite der Box prangt ein Foto Massenet, die CDs ziert jeweils nur der Nachname - allerdings in einer Art-Déco-Typo, die so gar nicht zu dem Belle-Epoque-Komponisten passt. Unübersichtlich gestaltet sind die Booklet-Seiten mit den Werken und Interpreten, ausgerechnet bei den „Rarities & Historic Recordings“ fehlen die Angaben zur den Aufnahmedaten. Nun ja, immerhin ist der Box eine CD-Rom mit den Libretto- und Liedtexten samt englischen Übersetzungen beigelegt.

Frederik Hanssen, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/cd/2012/jules_massenet_edition.html

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