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Erich Wolfgang Korngold ist für die Hörer unseres Programms kein Unbekannter – er gilt als eines der großen musikalischen Wunderkinder des 20. Jahrhunderts und komponierte ebenso eingängige wie witzige Orchestermusik. Der Opernkomponist Korngold ist dagegen ein bißchen in den Hintergrund geraten – jetzt hat das label cpo eine unbekannte Oper von ihm herausgebracht – „Die stumme Serenade“.
Irritierender Titel
Der Titel ist irreführend – weil er mystisch klingt, er erinnert an große Opern der Post-Jugendstil-Epoche, man denke an wabernde Klangteppiche eines Schreker („Der ferne Klang“), und natürlich Korngold selbst („Die tote Stadt“). Doch die Stumme Serenade ist eigentlich nichts weiter als eine Wiener Operette des späten Korngold fürs Amerika der 50er Jahre.
Und damit das am meisten rückwärtsgewandte Werk in Korngolds gesamter Karriere! Ein erstaunlicher Griff in die Mottenkiste – denn der jüdische Komponist hatte es geschafft, nachdem er nach Hollywood ins Exil ging, wirklich eine Größe zu bleiben – mehr noch, er galt in den 30er und 40er Jahren als einer der besten Filmkomponisten der Welt, holte mehrmals den Musik-Oscar. Und nun die Rückkehr zur Wiener Lehariade! Es scheint, als sei die „stumme Serenade“ für Korngold so etwas wie eine Art wehmütiges Erinnern an europäische Vorkriegstage gewesen. Nachdem das Werk am Brodway nicht angenommen wurde, brachte er es 1954 in Dortmund heraus – ein Flop.
Traurige Operette
Der turbulente Politkrimi um einen Schneider, der durch eine ungesungene Serenade in den Verdacht eines Entführers gerät (er bricht sein cantables Vorhaben in fremdem Garten aus Schüchternheit ab) wäre eine Steilvoralge für Komponisten wie Offenbach oder Künneke gewesen– Korngold schreibt eine fast unheimlich traurige Musik dazu. Das ist vielleicht am Ende dann doch genial – weil Korngold das aberwitzige Stück wie durch einen melancholischen Schleier sieht, nach dem Motto: vorbei, vorbei – es ist ein Echo einer Operette. Und wenn hier vielleicht der Vergleich mit Weill gestattet ist, das Werk erinnert ein bißchen an dessen düstere Musicals wie Johnny Johnson oder Lost in the Stars (ohne dessen harmonischen Finessen allerdings) – die kleinen Intermezzi und Orchesterstücke gehören zu dem Traurigsten, was Korngold in seinem Leben geschrieben hat.
Abschluß der aufwändigen Korngold-Edition bei cpo
Mit der Stummen Seranade geht eine langjährige, über 20jährige großartige Arbeit des labels cpo zu Ende; mit der „Stummen Serenade“ hat cpo sämtliche Werke Korngolds veröffentlicht – aber gerade dass es so lange gedauert hat bis zu diesem Werk, zeigt, wie schwer man sich mit diesem melancholischen Werk getan hat.
Zum einen ist das ganze instrumentatorisch glänzend gelungen, das ist ein Werk für ein winziges Orchester, und mit der Holst-Sinfonietta hat man ein Ensemble gefunden, das sich phantastisch in diese intime Musik einfühlt. Die Young Opera Company dagegen ist da eher grenzwertig – schade, denn man braucht eigentlich nur vier große Stimmen. Selbst dafür reicht es nicht! Vor allem Sebastian Reich als Reporter quält sich durch seine wenigen Nummern und nimmt ihnen jede Leichtigkeit – und auch Birger Radde als Schneider Andrea fehlt streckenweise diese Lockerheit und Souveränität eines Kavaliersbaritons, der hier nötig gewesen wäre. Einzig Sarah Wegener als Silvia ist wirklich auf Augenhöhe mit der Musik und erfaßt diesen silbrigen, mondänen Operettenton – schade, daß der Spaß an der skurrilen Entdeckung mit diesem Sängerensembel insgesamt zerstört wird.
Matthias Käther, kulturradio